Kapitel 13

Erinnerungen aus zwanzigjährigem Händler- und Farmerleben in
Deutsch-SüdWestafrika.
Ludwig Conrad
Famer, Orumbo,Geschrieben während des Hererokrieges 1904

(Fortsetzung - Vorhergehendes fehlt)Dreizehntes Kapitel.

Rehoboth. Reise nach Hornkranz.

        Ich blieb einige Tage dort und verkaufte so ziemlich alles aus. Da die Witbois fürchteten, daß möglicherweise die Oachanaser Hottentotten noch im Felde umher streifen und meinen Wagen überfallen könnten gaben sie mir eine Bedeckung von sieben Mann bis Rehoboth mit. Wir kamen indessen ohne Zwischenfall mit meinem eingehandelten ganz ansehnlichen Posten von Gros- und Kleinvieh dort an.
        
        Wie bekannt ist Hendrik ein religiöser Fanatiker, der glaubt, direkt göttliche Eingebungen zu empfangen. Wenn er einen Raubzug plante pflegte er abends ins Feld zu gehen und in nächtlicher Einsamkeit eine göttliche Offenbarung abzuwarten. Oft blieb er mehrere Tage fort und nach seiner Rückkehr befahl er je nach dem erhaltenen Auftrage entweder zu satteln oder noch zu warten. An dem ihm bestimmten Tage wurde dann losgeritten. Er kommandierte nicht, welche Leute ihn begleiten sollten, sondern überliess ihnen selbst sich anzuschließen. Unterwegs sah er seine Leute durch und da er nur mit reinen Leuten in den Krieg ging, sonderte er diejenige die sich in letzter Zeit grober Sünden schuldig gemacht hatten aus, und schickte sie zurück. Namentlich scharf ging er gegen Sünder gegen das sechste Gebot vor und hielt auf seiner Werft straffe Ordnung. Er hat dabei wohl sehr viel durch die Finger sehen müssen, denn unter seinen Hottentotten hätte er sonst nur sehr wenig Krieger mitnehmen können, wenn er alle Sünder im Garten der Liebe hätte ausmerzen wollen.

        Auch nach der Rückkehr vom Kriege wurde strenge Musterung gehalten und wer sich unterwegs, oder während Hendriks Abwesenheit zu Hause, irgend etwas hatte zu Schulden kommen lassen, erhielt ohne Gnade, mochte er Unterkapitän, Grossmann oder gewöhnlicher Untertan sein, eine bestimmte Anzahl mit dem Schambock aufgezählt. Auch wenn unterwegs, wurde um einen Übeltäter von den Reitern ein Kreis geschlossen und der Schuldige erhielt seine Strafe. Richter, Vollstrecker und Bestrafter stiegen wieder auf und weiter ging es im ununterbrochenen Schuckeltrab. Hendrik hat auf seinen Überfällen niemals das Vieh weisser Leute absichtlich geraubt. War solches zwischen dem geraubten Vieh, was natürlich bei den überfällen auf Otjimbingwe häufig vorkam, so ritten ihm die Besitzer nach, reklamierten ihr Eigentum und ohne Widerrede liess Hendrik sie dasselbe aussuchen und zurücknehmen. Er führte damals nur Krieg mit den Hereros und hatte daher mit den Europäern und deren Eigentum nichts zu tun und er war klug genug sich nicht zwei Feinde zu gleicher Zeit auf den Hals zu ziehen. In Otjimbingwe lebte damals ein Händler, Transportfahrer und Mann für alles, Albertus Bam, der Sohn eines Weissen und einer Eingeborenen. Dessen Aufgabe war es in der Regel das geraubte Vieh zurück zu holen und da er mit Hendrik gut bekannt war, entledigte er sich dieser Aufgabe stets zur allgemeinen Zufriedenheit.

        Dem Engländer Hutton hatte Hendrik einmal 500 Schafe geraubt. Da er auf dem Rückwege nicht mehr eingeholt werden konnte, hatte er sie mit nach Hornkranz genommen. Hutton schrieb mir, ich möchte mein mögliches tun, das Vieh zurückzubekommen und Hendrik schickte sofort, nachdem er meine Botschaft bekommen hatte, 500 Schafe nach meinem Viehposten, wo ich sie von Hutton kaufte, da sie zu ermüdet und fusswund waren, um zurück gehen zu können und womöglich Vieh von anderen ,Eigentümern dabei war. Denn Hendrik kannte ja das Vieh der Weissen nicht und hatte nur die Anzahl zurück gesandt. Hendrik war der einzige Hottentottenkapitän der wirkliche Macht über seine Leute besass. Bei den andern gab es nur Gehorsam, wenn es den Leuten passte. Auch muss man ihm nachsagen, dass er, so unzuverlässig, verlogen und hinterlistig er in politischer Beziehung ist, in seinen Privatangelegenheiten stets als ehrlicher Mann gehandelt hat und ich werde im Laufe meiner Erzählung noch einige Züge von ihm mitzuteilen haben, die diese Ansicht bestätigen.

        Die Haupttriebfeder in Hendriks Charakter war ein brennender Ehrgeiz. Wurde er doch der Napoleon von Namaqualand genannt und es war offenbar seine Absicht als zweiter Jan Jonker der Herrscher über Namaqua-, Damara- und Ovambo-land zu werden. Als erstes Mittel hierzu galt ihm die Beseitigung Sämtlicher Hottentottenkapitäne. Deshalb wurde Zamab der Kapitän der Veldskoendragers aus dem Wege geräumt, deshalb der Kriegszug gegen Manasse auf Oachanas unternommen, der Kapitän Kol, Häuptling der Grootdoden verj
agt, der zu den Hereros floh, deshalb der Mord an Jan Afrikaner, Frieb und Paul Fister begangen.

        Alle Eingeborenen hassen uns Deutsche vom Grund ihrer Seele als fremde Eindringlinge. Unter einander aber waren sie sämtlich eifersüchtig und uneinig. Deshalb ging Hendrik's Plan dahin, alle Stämme zunächst unter seiner Herrschaft zu ver
einigen, um dann mit vereinten Kräften die Deutsehen aus dem Lande zu jagen. Und da dieser Plan seine ganze Seele erfüllte, kamen ihm dann natürlich auch nächtlich im Traume die nötigen göttlichen Offenbarungen, an die seine Leute, wahrscheinlich auch er selbst, glaubten, und die ihm bei den zum Glauben an alles Übernatürliche so sehr geneigten Hottentotten die blind ergebenen Anhänger verschafften.

        Die andern Hottentottenkapitäne, welche sich unter deutschen Schutz stellten hatten wohl hauptsächlich den Zweck dabei sich mit Hilfe des deutschen Einflusses ihre Selbständigkeit zu erhalten gegenüber der Überlegenheit Hendriks. Sie hassten uns trotzdem nicht weniger. Da aber von ihnen keine andern Leistungen verlangt wurden, als den Schutz anzunehmen, so konnten sie uns ja ohne Schaden zu leiden den Gefallen tun.

        Für Hendrik aber blieb keine Wahl, als ent
weder ihrem Beispiel zu folgen und damit auf seine hochfliegenden Pläne zu verzichten oder aber den Kampf gegen die deutsche Oberhoheit aufzunehmen. Er entschloss sich später zu Letzterem. Zunächst versuchte die deutsche Regierung ihren moralischen Einfluss, fand aber bei Hendrik keine Gegenliebe, wie es von einem Fanatiker nicht anders zu erwarten war. Denn ein Mann, der sich einbildet, auf direkten göttlichen Befehl zu handeln, wird sich von einer irdischen Regierung nicht beeinflussen lassen.

        Das Fühlen und Denken der Eingeborenen entspricht sehr stark den Anschauungen des alten und sehr wenig der Lehre des neuen Testaments. Liebe deinen Nächsten als dich selbst ist für den Afrikaner ein unbekannter Standpunkt. Daher auch Ihre Vorliebe für das Alte Testament und alt-testamentarische Namen. Auge um Auge, Zahn um Zahn; Ausrottung ganzer Stämme, Mord und Blut, das ist Ihr Geschmack. Für die sanfte Re
ligion der Nächstenliebe haben sie absolut noch kein Verständnis. Wenn Ich Missionar wäre, wozu ich mich übrigens, nebenbei bemerkt, nach meiner Ansicht sehr wenig eigne würde, würde ich den Eingeborenen das Alte Testament überhaupt nicht in die Hände geben. Sie nehmen sich aus der Geschichte der alten Juden Beispiele die sich mit der Lehre des Christentums und der Zivilisation wenig vertragen. Die Juden nennen sich das auserwählte Volk Gottes; auch jedes eingeborene afrikanische Volk nennt sich die wahren Menschen und hält alle anderen, auch uns hochgebildete Europäer, für minderwertig.

        Ich hatte von Hendrik einen Wagen gekauft und so viel Ochsen eingehandelt dass ich ein Spann vervollständigen und jetzt mit eigenem Fuhr
werk reisen konnte. Da der Frachtpreis zur damaligen Zeit von Walfischbai nach Rehoboth 20 Mark betrug war dies bei der Kalkulation sehr wesentlich.

        Herrn Dr. Fleck, als Vertreter der von Lilienthalischen Interessen, passte zwar mein Handeln auf Rehoboth durchaus nicht, da es gegen das von ihm erworbene Monopol war, er wusste aber ebenso gut wie ich, dass er dagegen nichts tun konnte. Er machte daher gute Miene zum bösen Spiel und meinte, er hätte zwar für Lilienthal das Handels
monopol erworben, es würde ihm aber nicht einfallen einen reisenden Händler zu hindern; nur einen stehenden Konkurrenzstore würde er nicht zulassen. Ich sagte ihm zwar nicht dass ich im Begriff wäre einen solchen zu errichten, sondern überliess es ihm in der Zukunft das selbst zu sehen, war aber ziemlich neugierig auf welche Weise er mich hindern wollte. Denn für das Monopol war nur der Kapitän Hermanus van Wyk und eine kleine Partei, die anderen hatten lieber soviel Store wie möglich, die sich Konkurrenz machten und in denen sie pumpen konnten. Mochten also der Kapitän und seine Familie meinem Unternehmen feindlich gegenüber stehen, desto energischere Unterstützung fand ich bei den anderen.

        Ich hatte vollständig ausverkauft und musste wieder nach Walfischbai um mich mit neuen Waren zu versehen. Ich spannte also meinen eige
nen Wagen ein, mietete noch andere dazu und fuhr wieder nach der Küste auf demselben Wege auf dem ich heraufgekommen war. Auf der Namib war eine ausserordentliche Kälte. Wen man sich in Deutschland vorstellt, dass wir, weil wir hier innerhalb der Wendekreise wohlan, uns fortwährend in einem Schwitzbade befinden, ist man sehr im Irrtum. Es ist auch zubedenken dass das Hochland von Südafrika sich 5000 Fuß über den Meeresspiegel erhebt. In der kalten Jahreszeit haben wir Nachts häufig bis 10 Grad unter Null und die Kälte merkt man um so empfindlicher weil die Mittage immer warm sind. Auf dieser Reise musste in der Nacht immer ein Junge eine Strecke vorlaufen und ein Feuer anzünden, damit sich die vorbeikommenden Wagenleute wärmen konnten. Glücklich und pünktlich kamen wir in Walfischbai an. Mit Spannung wurde ich von meinen Bekannten erwartet und anerkennende Bewunderung leuchtete aus den Gesichtern als das eingehandelte Vieh sich präsentierte welches ich von diesem Zuge mitgebracht hatte.





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