Kapitel 14

Vierzehntes Kapitel

Eine Reise mit Hindernissen.  Auf Rehoboth
        
        Zu Hause war Bismarck vom Amt zurückgetreten; die Deutschen und mit ihr die Kolonialpolitik schwamm jetzt im Caprivischem  Fahrwasser. Der neue Kurs hatte angefangen, der Kolonialkurs stand für uns aber noch weit unter pari. Denn die 20 Mann Schutztruppe, die unter Leutnannt von Francois  soeben angekommen waren, und die ich noch in Waifischbai traf, konnten unsern Ansprüchen auf Repräsentation der Deutschen Macht schwerlich genügen. Den Stämmen, die sich unter deutschen Schutz gestellt hatten, und die daher den Schutz im Fall der Not wirklich beanspruchen durften, konnte dieser ebensowenig gewährt werden, wie denen die noch keine Verträge mit der Deutschen Regierung abgeschlossen hatten und somit konnte dies kaum begehrenswert erscheinen. Der neue Truppenkommandeur, Hauptmann von Francois sollte erst mit dem nächstem Schiff nachkommen. Zwar hieß es, dass die Truppe nur dem Reichskommissar als Bedeckung dienen sollte und Hauptmann (jetzt Major) von Francois soll auf Befragen das große Wort gelassen ausgesprochen haben: "die Schutztruppe ist nur ihrer selbst wegen da", auch soll er die Ansicht geäußert haben, dass 20 Mann gut beritten, vollständig genügend seien, um das ganze Schutzgebiet in Ordnung zu halten, indem sie bald hier, bald dort auftauchend jede Unruhe im Keime ersticken könnten.

        Hendrik Witboi konnte damals etwa 600 Mann ins Feld stellen ohne Hilfe der anderen Hottentottenhäuptlinge. Von diesen Mannschaften waren etwa 200 Mann gut beritten, mit allen Verhältnissen des Landes, Wasserstellen usw genau bekannt und im Stande längere Zeit ohne Verpflegungskolonnen von den Früchten des Feldes zu leben.

        Da auch wir Deutschen im Lande einen wirklichen Schutz wohl kaum zu erwarten hatten, zogen wir es vor durch kluge Handlungsweise und vorsichtiges Auftreten uns keinem Schutzes bedürftig zu machen

        Weil ich in Rehoboth vorläufig mit der Schutztruppe nichts zu tun hatte kehrte ich mich auch nicht an sie und besorgte meine Geschäfte, d.h. verkaufte mein mitgebrachtes Vieh, kaufte meine Waren ein und wenn ich nach einigen Tagen damit fertig war spannte ich ein und fuhr wieder ab.

        Auf Rooibank traf ich mit Herrn Schluckwerder zusammen, dem kaufmännischen Vertreter des Herrn v. Lilienthal, welcher an Stelle des nach Hause gegangenen Herrn Suck herraus gekommen war und gleichfalls zwölf Frachten nach Rehoboth brachte, und wir setzten von nun ab die Reise gemeinsam fort. Ich hatte 4 Frachten und Schluckwerder 12. Offenbar hatte er die Absicht seinen Store vollständig mit allen notwendigen Waren auszurüsten und das Handelsmonopol nach Kräften auszunutzen. Da er ausserdem seine Waren direkt, von Deutschland mitgebracht hatte, ich aber hier im Lande erst aus zweiter Hand kaufen konnte, war ich ihm gegenüber bedeutend im Nachteil. Es kam also jetzt darauf an alle Kräfte zusammen zu nehmen um dieser mächtigen Konkurrenz die Spitze zu bieten. Aber Mut und Selbstvertrauen verließen mich nicht und ich habe dazu auch das Vergnügen gehabt zu sehen dass letzteres nicht unberechtigt war.

        Auf Rooibank war auch Jan Afrikaner mit seinen Leuten angekommen. Da zwischen ihm und den Bastards früher Krieg gewesen und, obgleich die Feindseligkeiten eingestellt waren, doch noch kein definitiver Friede abgeschlossen war, der edle Jan aber nach Aussage der Bastards zu jedem Schurkenstreich fähig war, betrachteten beide Parteien einander mit größtem Misstrauen und gingen einander so viel wie möglich aus dem Wege. Ich hatte ja mit den früheren Geschichten nichts zu tun gehabt und da ich mit Jan von früher von der Hope Mine her gut bekannt, es auch für die Händler eine wesentliche Notwendigkeit war mit den eingeborenen Häuptlingen gut zu stehen, beschloss ich ihn zu besuchen und ging nach dem Gebüsch zu, in weichem er sich befand. Er liess sich aber nicht sogleich sprechen und ich musste einige Zeit warten, bevor ich zur Audienz befohlen wurde. Er hatte sich hinter dem Busch erst andere Kleider angezogen, als er einen weissen Mann zu sich kommen sah, um diesen würdig zu empfangen. Es war dies ein gutes Zeichen ein Beweis, dass er mit friedlichen Absichten nur einen Besuch in Waifischbai plante, denn zu einem räuberischen Überfall hätte er sich schwerlich einen zweiten Anzug mitgenommen. Ich unterhielt mich eine Zeit lang mit ihm und kehrte dann zu dem Wagen zurück.

        Von den Bastards wurde ich mit sauren Gesichtern empfangen, denn es war ihnen garnicht recht gewesen, dass ich Jan Afrikaner besucht hatte. Das Misstrauen gegen diesen und seine Hinterlist war so groß, dass von hier aus mit der größten Vorsicht weiter gereist wurde. Stets ritten vier Mann bis zur nächsten Wasserstelle voraus und untersuchten alle seitlich vom Wege gelegenen Klippen. Erst nach fünf Tagereisen wurde diese Vorsicht für überflüssig gehalten und wieder eingestellt. Jan Afrikaner hatte entweder keine bösen Absichten gehabt, oder wir waren ihm mit sechzehn Wagen, von gut bewaffneten Leuten begleitet, zu stark gewesen.

        Auf Ubib hatten die Bastards beim Herunterreisen die dort wildwachsenden Brackbüsche verbrannt und nahmen jetzt in Säcken die Asche mit, die sie zum Seifekochen gebrauchen. Etwas umständlich ist zwar dieses Seifekochen mit Asche und erfordert viele Tage ununterbrochenen Kochens, aber in Ermanglung andern Materials geht es doch. Der Mensch muss sich zu helfen wissen. Da der Verbrauch von Seife ein zuverlässiger Maßstab für Beurteilung der Kultur sein soll, so muss man dies Bedürfnis nach Seife und die große Mühe, die sich die Bastards geben sie herzustellen, als ein gutes Zeichen der fortschreitenden Zivilisation ansehen.

        Bis Kraaiport ging alles gut. Bis dorthin waren die Wege eben und die gebrechlichen Bastardwagen hielten noch zusammen. Hier aber, wo wir ins Gebirge kamen, fing auch das Unglück an. Kein Tag verging, an dem nicht ein Rad, eine Deichsel oder sonst irgend etwas brach und stets musste dann der ganze Zug warten bis der Schaden wieder repariert war. Wegen der Unsicherheit des Landes war es nötig bei einander zu bleiben. Auch mein Wagen, in dem ich fest schlief, wäre beinah umgefallen, wurde aber dadurch im Gleichgewicht gehalten dass die tiefstehendel Seite mit großen Steinen unterfüllt wurde. Ich hatte von der ganzen Geschichte garnichts gemerkt und ruhig den Schlaf der Gerechten geschlafen. Hans Diergaard, das Haupt der deutschfreundlichen Partei auf Rehoboth, war bis Ubib der Leiter unseres Zuges gewesen, hatte uns aber dort verlassen und war nach Otjimbingwe geritten wo er Geschäfte hatte. Adrian Beukes, dessen Sympathien sich mehr den farbigen Menschen zuwandten, war an seine Stelle-getreten. 

        So kamen wir allmählig mit Geduld und Ausdauer bis zum Kuiseb. Wir hatten viele alte, erfahrene Leute bei uns und sobald etwas gebrochen war, wurde der Schaden wieder kuriert. Zu einem richtigen Treiber gehört nicht nur, dass er seinen Wagen durch dick und dünn über Berg und Tal vorwärts bringt, sondern ihn auch, wenn etwas zerbricht, wieder flicken kann.

        Da-wir mit all dem Aufenthalt sehr lange unterwegs blieben, waren die Familien der bei unsern Wagen befindlichen Leute besorgt geworden. Wie leicht hätte uns bei der Unsicherheit des Landes etwas passieren könnend Im Kuiseb stieß deshalb eine Hilfsmannschaft von 25 Mann zu uns, die uns suchen und nach Hause geleiten sollte. Selbstverständlich mussten Schluckwerder und ich sie verpflegen; er gab ein Fass Bisquit, ich einen Sack Reis. Ausserdem musste natürlich auch noch Kaffee und Tabak etc. verabfolgt werden. Die Bastards waren ja gekommen, um unsere Frachten zu beschützen und da nach Ansicht der Eingeborenen ein weisser Mann stets reich ist, so hat er auch die Ehre sämtliche Unkosten zu tragen.

        Auch Otto war mit den Bastards zusammen von Rehoboth gekommen und brachte für Schluckwerder ein Pferd mit um nach Rehoboth voraus zu reiten. Bis dorthin sind es vom Kuiseb noch gut zwei Reittage und für jemanden, der, wie Schluckwerder noch niemals auf einem Pferde gesessen hatte, war die Tour jedenfalls kein Vergnügen. Schluckwerder ritt aber guten Mutes ab und Otto hat ihn dann auch, allerdings mit etwas weniger gutem Mut, bis nach Rehoboth gebracht: er soll aber noch lange Zeit nachher sich stets ein weiches Kissen auf den Stuhl gelegt haben wenn er sitzen wollte.

        Vom Kuisib ging es nun mit unseren 16 wackeligen Wagen in das Klippenmeer hinein. Hatten wir bei Kraiport schon Mühe mit den Wagen gehabt, so hier erst recht. Einige Wagen fielen am steilen Berge so ab, dass sie mit zerschmettertem Zelt und mit den Rädern nach oben liegen gelassen werden mussten, nachdem die Fracht auf die andern Wagen verteilt war. Mit meinen 4 Wagen ging es noch ziemlich glücklich, sie waren besser im Stande, als die andern und ich brach nur eine Deichsel.

        Ich brachte für Hendrik wieder Munition mit, und auch Adrian Beukes, der gleichfalls mit Hendrik gut befreundet war, hatte Munition für ihn angekauft. Hendrik, der dies wusste, gleichzeitig aber erfahren hatte, dass ein Hererokommando unserem Zuge auflauerte und die Munition notwendig gebrauchte, war mit 100 Mann bis nach Gurumanas gekommen um den Zug zu beschützen und schickte von dort 40 Mann unter seinem Grootman Keister entgegen der uns in den Bergen fand. Keister stellte sich mit Stolz vor, "Dr. Goering ist dem deutschen Kaiser sein Kommissar, aber ich bin Hendrik Witboi sein Kommissar". Wir hatten nun ausser den Wagenleuten 45 Mann Bedeckung bei uns und Hendrik lag mit 100 Mann auf Gurumanas. So leicht war uns nicht beizukommen.

        Auch die Hereros unter Assa Riarua hatten unsern Transport gesehen, wagten sich aber nicht an uns heran. Mit Mühe und Not hatten wir die Hochebene erreicht, die Wagen fuhren hintereinander auf und in Ruhe senkte sich der Abend herab Da plötzlich blitzten Schüsse auf, die ganze Wagenreihe hinab rollten die Salven. Unsere Mannschaften wollten, um etwa verborgen lauernde Feinde aufzuschrecken und nachher ruhig schlafen zu können, ihre Stärke zeigen und sich selbst ermutigen.

        Ich fühlte kein Bedürfnis zum Ruhen. Meine Ochsen waren frisch, sie hatten in den Bergen mit dem Warten auf die verunglückten Wagen Zeit genug gehabt sich auszuruhen, und da ich Hendrik auf Gurumanas die Munition abgeben wollte, wobei ich kein Bedürfnis nach unnötigen Zuschauern hatte, entschloss ich mich, in der Nacht noch weiter zu fahren. Adrian Beukes wollte es nicht zugeben. Wenn auch die Frachten meine wären, die Leute seien seine, und er wäre für den ganzen Zug verantwortlich. "Seid ihr Deutschen denn jetzt schon Herren im Lande? So weit sind wir noch nicht." Da aber meine Leute zu Diergaard's Familie gehörten kehrten sie sich nicht an Adrian sondern spannten ein und fuhren ab.

        Wir fuhren die ganze Nacht durch und kamen morgens um 4 Uhr auf Gurumanas an. Todmüde legten sich die Leute zunrSchlaf. Ich ging zu dem auf dem Platz stehenden Hause, in welchem Hendrik war, trank mit ihm zusammen Kaffee und besprach mit Ihm alles Nötige. Hendrik war damals ein Mann von' ungefähr 60 Jahren mit schon grau werdenden Haaren schwachem Baart und nicht gerade in den Vordergrund tretendem Benehmen. Kein Freund.von vielen Worten, deutete er seinen Leuten nur durch kurze Bemerkungen an, was sie zu tun hättet.

        Mit mehreren dazu beauftragten Leuten ging ich dann an die Arbeit. Während „mein Volk" in tiefstem Schlafe lag, kramte ich die ganzen Frachten um und holte die Munition heraus, die von den Holtentotten einfach in den nächsten Büschen versteckt wurde. Assa Riarua saß mit seinem Hererokommando oben auf dem Berge und sah zu, der Mond schien hell genug, dass er alles beobachten konnte. Er durfte aber bei der starken ihm gegenüber stehenden Macht nicht wagen, seine Anwesenheit zu verraten. Später sagte er einmal zu mir, "Wenn ich Dich damahls gekriegt hätte, wäre es Dir aber schlecht gegangen". Die Ladung auf den Wagen wurde wieder zurecht gerecht gepackt, ohne dass meine Leute etwas gemerkt hatten. "Stumm sieht der Vater Ozean den Himmel an, als hät' er nichts getan". Der Munitionshandel war zu damaliger Zeit ja frei und der deutschen Regierung war es ganz recht, wenn Hendrik Munition bekam, um die Hereros zu beunruhigen. Bei den fortwährenden Kriegen der Eingeborenen untereinander und dem Misstrauen, mit dem alle Stämme sich gegenseitig beobachteten, waren sie natürlich einem Händler nicht wohlgesinnt, der anderen, auch Freunden, Munition lieferte. Diese Freunde konnten möglicherweise am nächsten Tage ja schon Feinde sein, war daher besser, die Rechte nicht wissen zu lassen, was die Linke tat. Hendrik sagte zwar zu mir, ich könne den Hereros soviel Munition liefern wie ich wolle, vorausgesetzt, dass ich für ihn sorgte; er hat mir auch später, obgleich er wusste, dass ich auch den Hereros Munition lieferte, keinerlei Feindschaft gezeigt.
Am Mittag kam dann auch Adrian Beukes mit seinen Wagen an und ich fuhr weiten. Er wird ja dann wohl auch sein Geschäft ohne von mir beobachtet zu werden besorgt haben.

        Ohne weitere Schwierigkeiten kamen wir nach Rehoboth und ich wollte nun von den Reisestrapazen ausruhen, aber daran konnte garnicht gedacht werden. Die Bastards wollten die mitgebrachten Waren sehen und kaufen, und von den Witbois war ein großer Trupp zu dem gleichen Zwecke mitgekommen. ich musste mich sofort an das Auspacken machen.

        Es war keine aussicht auf Ruhe und ich armer Geschäftsmann musste aushalten. Teils war es mir angenehm, eine solch' gute Kundschaft erworben zu haben andernteils wünschte ich sie zu allen Teufeln, um der mir so notwendigen Ruhe pflegen zu können. Aber ich konnte wünschen was ich wollte, sie liessen mich einfach nicht schlafen. Der ganze Store stand voll Menschen, und kaum hatte ich einige abgefertigt, so standen andere schon wieder da. Es ging nicht mehr und nach freundschaftlich vernünftiger Überredung kamen wir überein, dass die Bastards am Tage handeln sollten und von Sonnenuntergang an die Witbois. Jeder kam zu seinem Recht, nur ich nicht und ich war so totmüde.

        Die Schacherei ging den ganzen Tag durch mit den Bastards und die Nacht durch mit den Hottentotten. Die nächsten Tage wieder. Ich verfluchte alles Geschäft und allen Verdienst, aber als sich der Sturm gelegt hatte war ich wieder unzufrieden, wenn es nichts mehr zu tun gab. Zufrieden ist der Mensch nie und ich natürlich auch nicht.

        Ich hatte Hendrik versprochen, ihm und seinen Leuten einen beschränkten Kredit zu gewähren, dieser wuchs allerdings mehr an, als ich erwartet hatte; die alte Geschichte mit dem ins Rollen gekommenen Stein. Man sollte garnicht glauben, was die Leute alles gebrauchen können, wenn sie es gepumpt bekommen. Schließlich waren es schon ca. 8000 Mk. geworden, und ich machte mir schon Sorgen, dass ich zuweit gegangen wäre.

        Da eines Tages kam ein Posten Kühe von Hendrik als Abzahlung auf die Schuld, schöne, Junge Afrikaner die ich gerne für,mich selbst behalten hätten: aber erst das Geschäft und dann das Vergnügen; ich musste zunächst meinen Verpflichtungen nach kommen und meine Waren haben. Wie ich von den Bastards erfuhr, hatte Hendrik Witboi, Frieb, einen selbstständigen Unterkapitän der Roten Nation, abgeschossen (abschiessen heißt in Afrika seines Viehs berauben) und die Kühe stammten von diesem Orlog her.

Der reguläre Absatz für unser Damaralandvieh war zu damaliger Zeit in der Kapkolonie. Rindvieh, das jung nach der Kolonie kommt, entwickelt sich dort zu ganz anderen Tieren wie im Damaraland. Die Ochsen werden dort bedeutend größer und schwerer und man glaubt kaum das es Damaraochsen sind, wenn man sie nach Jahren wiedersieht. Deshalb und auch ihrer guten Hufe und ihres schnellen Schrittes wegen werden sie in der Kolonie gern als Zugochsen verwandt und stets gekauft, für Kühe dagegen aus dem Schutzgebiet ist in der Kolonie kein Absatz, weil dort an Kühen kein Mangel ist und die dortigen Kühe viel milchreicher sind als die unsrigen. Aus diesem Grunde kam es, dass bei uns Kühe keinen Preis hatten. Zu damaliger Zeit wurden für das Stück etwa 20- 30 Mark bezahlt, während der Preis für ausgewachsene Schlachtochsen 60 - 70 Mark war.

        Ich hätte die von Hendrik erhaltenen Kühe nun wohl im Damaraland gegen Ochsen verhandeln können; indessen weil es im Kriege erbeutetes Vieh war, traute ich der Sache nicht und zog vor, sie nach Walfischbai zu senden. Ich schickte 2 Wagen, um neue Waren zu holen, hinunter und sandte etwa 20 Kühe und 50 fette Schlachthammel mit. Die Leitung des ganzen Zuges hatte Matthäus Diergaard ein Bruder von Hans. Glücklich kamen sie bis Okapuka; dort unglücklicherweise trafen sie mit Manasse von Oachanas zusammen, und weil dieser die Kühe als früheres Friebsches Eigentum erkannte, raubte er sie und nahm zur Gesellschaft die Hammel auch noch mit. Als von diesen dann an Ort und Stelle zur Feier des Tages einige geschlachtet und sofort aufgegessen wurden, haben die getreuen Hirten meiner Herde dann natürlich auch nach Kräften mitgegessen eine so schöne Gelegenheit zu einem fetten Schmause kommt nicht alle Tage. Ich hatte einen sehr bedeutenden Schaden weg.

        Später klagte ich bei der deutschen Regierung und nach 10 Jahren l>ekam ich eine Entschädigung in Land. Die Regierung hatte :die Sache übernommen; da wurde mir nun kaltblütig erklärt, dass ich zwar nach dem Gesetz vollständig berechtigt sei, Zinsen für die Zeit, während welcher ich meines Betriebskapitals beraubt war, zu fordern; da aber das Manasse'sche Land von der deutschen Regierung übernommen sei und diese die Entschädigungs-Angelegenheit regulierte, würden die Zinsen einfach nicht bezahlt; ausserdem bezahlte die Regierung nur Zweidrittel des verlorenen Kapitals und für das Land wurden mir 2 Mark für den Hektar berechnet, zu einer Zeit da neue Ansiedler für den Hektar 50 Pfennig, frühere Mitglieder der Schutztruppe nur 30 Pfennig zu zahlen hatten. Durch den Verlust der zehnjährigen Zinsen und des dritten Teils vom Kapital kam mich der Hektar auf 5 Mark zu stehen.

Der Farmer flucht im Innern schwer,
Doch nimmt er's, sonst gilbt's weniger;
Und wer im Land das Maul nicht hält,
Wird eines Tages kaltgestellt.

        Statt nun nach Hause zu kommen, fuhr Matthäus Diergaard mit den Wagen gemütlich nach Waifischbai weiter, bekam natürlich, da er keine Zahlung mitbrachte, auch keine Waren und ich hatte zu allem Schaden auch noch das Vergnügen, den Wagen Entschädigung für ihr vergebliches Fahren zu bezahlen. Damals, gerade im Anfang meiner selbstständigen Geschäftstätigkeit, berührte mich dieser Verlust bei meinen schwachen Betriebsmitteln ausserordentlich empfindlich. Man spricht oft hier im Lande von den guten Zeiten, diese guten Zeiten hatten aber auch ihre ganz bösen Schattenseiten.

        Herr Hauptmann von Francois hatte in Begleitung von 3 Mann der Schutztruppe eine Reise nach dem Ngamisee gemacht, um die Gegend dort kennen zu lernen. Nach den damals zu Recht bestehenden Abmachungen fiel der Ngami noch in deutsches Gebiet. Erst später liess sich Deutschland, gutmütig wie es ist, die Grenze noch wieder beschneiden und behielt im Norden nur den schmalen Streifen nach dem Zambesi, den sogenannten Caprivizipfel. Als die Deutschen zuerst im Damaralande Fuß fassten und die ersten Schutzverträge abschlossen, war die Kalahari noch herrenlos, wurde aber sefort von den Engländern unter dem Namen „British Betchuanaland Protectorat annektiert, um den Deutschen eine Ausdehnung nach Osten und vor allem Dingen eine Verbindung mit Transvaal unmöglich zu machen.

        Auf der Rückreise kam Hauptmann von Francois über Rehoboth. Aber wie sahen die Leute aus! Keine Schuhe mehr an den Füßen, kein Hemd mehr auf dem Leibe, der Uniformrock wurde direkt auf dem kahlen Leibe getragen, und alles wimmelte von einer Sorte sechsbeiniger Tiere, die man sonst nicht gerade als angenehme Gäste betrachtet. Auf Rehoboth konnte doch wenigstens der aller- größten  Not abgeholfen werden und die Leute machten wieder einen einigermassen europäischen Eindruck.

        Die Lilienthal'schen Vertreter, denen meine Konkurrenz unbequem wurde, hatten sich indessen bei dem Kapitän von Rehoboth wegen des von ihm verliehenen und von mir verletzten Monopols beschwert. Der alte Hermanus van Wyk befand sich in einer recht unbequemen Lage, einerseits hatte er durch seinen Vertrag mit der deutschen Regierung das Recht aus der Hand gegeben, jeden Fremden nach Kräften auszubeuten - jeder Deutsche durfte ja jetzt nach Belieben im Bastardlande handeln und wohnen - andererseits hatte er v. Lilienthal das Alleinrecht zum Handel gewährt und dafür mit seinem Rat verschiedene Vorteile genossen. Er suchte sich nun so gut wie möglich aus der Klemme zu ziehen. Es wurde ein großer Rat anberaumt, die ganze Gemeinde versammelte sich unter einem mitten auf dem Platze stehenden grossen Kameldornbaum, unter dessen Schatten in der Regel die grossen Ratssitzungen abgehalten wurden und auch ich wurde gerufen. Ich ging hin und dachte in meinem Innern Mitreiter, "Na wat dit wohl wadr" Wieviel Unsinn, Hinterlist und Verrat mag wohl dieser Baum schon mitangehört haben? Die Kantorerei begann. Der Kapitän verbot mir zu handeln, ich erklärte ihm, dass ich mich an sein Verbot nicht kehren würde, denn nach dem Schutzvertrage hätte ich das Recht dazu und ich würde auf mein Recht nicht verzichten. Ein Teil der Bastards war gegen den Kapitän und meinte, er brauchte ja nicht bei mir zu kaufen, dazu könnte ihn niemand zwingen, sie aber würden kaufen, wo es ihnen passte. Schließlich verlangte Hermaaus von mir eine monatliche Abgabe von 20 Mark. Auch dies lehnte ich ab, denn nach dem Vertrage hatten Händler allerdings die früher üblichen Abgaben zu bezahlen, diese waren aber nur 10 Mark pro Monat und mehr wollte ich nicht geben. Da stand Hermanus wutentbrannt auf, nahm seinen Stuhl und verfügte sich in sein Haus. Ich ging auch nach Hause, der ganze Rat ebenfalls und es blieb alles beim alten, d.h. ich bezahlte vorläufig garnichts und handelte weiter. Später erklärten sich die Leute dann mit 10 Mark pro Monat zufrieden. Diese bezahlte ich und es herrschte von da an Liebe, Freundschaft und Einigkeit. Auch Schluckwerder und Dr. Fleck versuchten ihr Monopol nicht mehr geltend zu machen, da sie wohl einsahen, dass keine Aussicht hatten, es durchzusetzen und so war wieder einmal ein afrikanisches Hindernis aus dem Wege geräumt, Es blievt alles bin Ollen.

        Die 4 leeren Wände in meinem Store begannen sich zu füllen. Im Anfang hatte ich meine Handelsartikel in Kisten untergebracht, jetzt wurden alle leer werdenden Kisten benutzt, um Tonbank und Regale zu bauen und allmählich wuchs die Einrichtung. Schön war sie nicht, aber sie erfüllte ihren Zweck, und das war die Hauptsache. Sogar Glasscheiben wurden in die bis dahin mit Brettern vernagelten Fenster eingesetzt und mittlerzeit hatte ich eine ganz gemütliche Wohnung, namentlich als Otto in sein neue erbautes Haus zog und ich den bis dahin von ihm bewohnten Raum als Lagerraum dazu bekam.

        Unsere deutsche Gemeinde vermehrte sich. Herr Frielingshaus, der Vorsteher der Bergbehörde, verlegte seinen Wohnsitz nach hier, hauptsächlich wohl, um dem Lilienthal'schen Monopol auf die Finger zu sehen. Er hatte sich ein Bastard Haus gemietet, welches gleich dem von mir bewohntem sein Entstehen weissen Leuten verdankte die später wieder den Platz verlassen hatten. Zwischen Herrn Frielinghaus, der den Vorteil der Kolonialgesellschaft im Auge haben mußte, und Dr. Fleck herrschte Feindschaft, welche durch das Entgegenstehen der von ihnen vertretenen Interessen verursacht war, und da auch Ich durch die Konkurrenz mit den Herren in Gegnerschaft stand, war der Verkehr nicht besonders lebhaft und interessant war es anzusehen, wie jeder den aderen beobachtete mit dem Gedanke: "Noli turbare circulos meos". Herr Dr. Fleck hatte in Begleitung eines Bergmannes, den er zur Ausführung der praktischen Arbeiten bei sich hatte, eine Reise nach dem Ngamisee gemacht und war glücklich wieder zurückgekehrt und Schluckwerder bereitete einen Zug nach der Kapkolonie vor, um einen Posten Ochsen in Kimberley zu verkaufen.

        Auch ich war wieder bereit, nach Walfischbai zu gehen und neue Einkäufe zu machen. Ich schloss mich diesmal einem größeren Zuge von Bastards an, welche den Weg durch Damaraland nehmen wollten. Wir wollten über Osona, Barmen, Otjimbingwe fahren. Den kürzeren und besseren Weg über Ötjizewa-Barmen hatten die Hereros gesperrt, angeblich weil er durch die Hottentotten unsicher war, in Wirklichkeit aber wohl, um alle Wagen zu zwingen, nahe bei Okahandja vorbei zu kommen und so die Kontrolle über den ganzen Vorkehr, namentlich auch mit Gewehren und Munition, in der Hand zu behalten. Langsam fuhren wir dahin. Auf Otjihavera wo wir ausgespannt hatten, tauchte plötzlich- aus dem Gebüsch ein Hereroreiter auf; es war Assa Riarua, er war über das plötzliche Zusammentreffen ebenso erschrocken wie wir, selbst in seinem schwarzen Gesicht war zu sehen wie er plötzlich blass wurde. Beide Parteien glaubten plötzlich auf Feinde gestoßen zu sein. Die Sache klärte sich zwar auf; Assa hatte entlaufene Pferde gesucht, und da die Hereros erwarteten, in nächster Zeit von den Hottentotten wieder angegriffen zu werden, glaubte er da mitten hineingeritten zu sein. Nachdem er sich mit den Bastards begrüßt und Neuigkeiten ausgetauscht, auch namentlich sich nach Hendrik Witbooi erkundigt hatte, ritt er wieder ab. Aber der Bastards hatte sich eine eigentümliche Unruhe bemächtigt. Ihre stets regsame Phantasie fing an zu arbeiten, allerlei Gerüchte tauchten auf, niemand wusste woher sie kamen, aber jeder glaubte sie und erzählte sie weiter. Afrika ist das Land der Stories. Namentlich in aufgeregten Zeiten entstehen die wildesten Nachrichten, die mit allen Einzelheiten weiter erzählt werden, sodass jeder der nicht aus alter Erfahrung die Sache kennt den Gerüchten Glauben schenken muss. Buren und Bastards sind in Erfinden solcher Schreckensneuigkeiten gleich. Wer diese von Furcht erzeugte Phantasiefähigkeit der Eingeborenen aus Erfahrung kennt, glaubt überhaupt nichts, wenn er nicht weis, welcher glaubwürdige Mann mit seinen eigenen Augen die Geschehnisse gesehen hat.

        Am Abend hatten wir denn schon soviel erfahren, dass eine Nachricht gekommen war, Adrian Beukes sei mit seinen Wagen auf dem Rückwege von der Bai in der Gegend von Otjimbingue von den Hereros überfallen und ein allgemeiner Krieg kurz vor dem Ausbruch. Wir waren am Nachmittag weiter gefahren und standen in der Nacht dicht vor Osona so dass wir den Staub der aus dem Felde heimkehrenden Kühe sehen konnten. Am nächsten Morgen wollten wir zum Platze abfahren, tränken und weiterziehen. Die Aufregung war aufs höchste gestiegen, der allgemeiner Rat wurde zusammenberufen, um die Sachlage zu besprechen, auch ich beriet mit. Die Majorität entschied sich dafür, dass die Lage sehr gefährlich sei und es das Beste wäre, umzukehren und so schnell wie möglich die gefährliche Nähe der Hereros zu verlassen. Gesagt, getan! Mit ungewohnter Schnelligkeit wurde eingespannt und eine wilde Flucht begann. Einige Reiter ritten vor, einige deckten den Schluss, und fort ging es im schnellsten Ochsenschritt ohne Ausspannen die ganze Nacht und den nächsten Tag, bis endlich, nachdem die Auasberge zwischen uns und dem nicht vorhandenen Feinde lagen, sich die Leute soweit sicher fühlten, dass sie den Ochsen einige Ruhe zu geben wagten.

        Die Hereros auf Osona erwarteten am nächsten Morgen die Wagen ankommen zu sehen aber nichts rührte sich; am Nachmittag schickten sie Reiter, um zu sehen, was denn eigentlich los war, und wo wir geblieben seien, und gewahrten mit Staunen, dass alles verschwunden war. Verwundert sahen sie sich an. "Ich kenne doch so manchen Frommen, sowas ist mir noch nicht vorgekommen". Sie schickten einen Boten nach Rehoboth hinter uns her, der dann auch kurz nach uns ankam um sich nach der Ursache unserer unmotivierten Flucht zu erkundigen und die Versicherung zu überbringen, dass von ihrer Seite alles im Frieden sei. Sie überschütteten die Bastards mit Vorwürfen wegen ihres Misstrauens und konnten sich nicht enthalten anzudeuten, dass durch derartige Missverständnisse leicht einmal wirklicher Krieg entstehen könne.

        Die Bastards vertagten ihre Reise nach Walfischbai um ihre, von der Flucht ermüdeten Ochsen ruhen zu lassen. Ich hatte keine Zeit zu versäumen und machte mich allein auf dem Kuisibwege auf die Reise. Ich sollte es später sehr bedauern, denn ich verlor viele Zugochsen, die nach den gehabten Anstrengungen den Mühen und Entbehrungen einer Reise nach der Küste nicht gewachsen waren.

        In Walfischbai angekommen fand ich verschiedenes verändert. Vogelsang hatte der Kompagnie Lebewohl gesagt und Wegner,auch ein früherer Lüderitz'scher Beamter war an seine Stelle gekommen.

        In der Zwischenzeit waren Hauptmann von Francois und dessen Bruder Leutnant v.F nach Otjimbingwe marschiert, um als deutsche Schutztruppe, von 20 Mann dem Ansehen des deutschen Reichskommissars mehr Gewicht zu geben. Die Hereros aber, naive wie die afrikanischen Eingeborenen nun mal sind, hat ihre frühere Feindschaft gegen die Deutschen noch nicht vergessen. Obgleich auch die englischen Goldsucher mit Robert Lewis, die sich doch nicht mehr ganz sicher fühlten und das Land verlassen hatten, benahmen sich so unverschämt wie möglich. Sie hatten für eine Nacht sogar einen Überfall der Truppe geplant. Letzterer wurde aber von einem Weißen, der sich gerade auf Otjimbingwe aufhielt und die Absicht der Hereros durch Zufall erfahren hatte, gewarnt, und marschierten noch am Abend in der Richtung nach der Küste zurück. Die Hereros versuchten sie aufzuhalten und ihnen den Weg zu versperren, wurden aber durch das energische Auftreten des Hauptmanns von Francois, der sie von den Ochsen des Wagens wegjagte; und vom Pferde mit dem Schamhock auf sie einhieb, so verblüfft, daß sie Wagen und Truppe ruhig vorbei ziehen ließen. Nachher wollten sie der Truppe nachsetzen, wurden indessen durch das Dazwischentreten der alten Ansiedler davon abgehalten. Die Truppe ging nach Tsaobis, einer Wasserstelle etwa fünf Reitstunden von Otjimbingwe entfernt, wo die Besatzung die Verbindung Damaralands mit der Küste in der Hand hatte und die Zufuhren kontrollieren konnte

        Hier wurden von rohen Bruchsteinen zunächst erst mal in Trockenmauerwerk Unterkunftsräume für die Truppe fertiggestellt. Dieselbe setzte sich hier fest und berichtete nach Hause, mit zwanzig Mann gehe es doch nicht, es müsse hier doch anders kommen Es war denn auch eine Verstärkung von 50 Mann bewilligt und diese wurde jetzt erwartet.

        Herr Dr. Goering war nach Deutschland gegangen und Herr Nels und Herr v. Goldammer wohnten wieder in Otjimbingwe, unbelästigt von den Herero, die gegen ihre Anwesenheit nichts einzuwenden hatten so lange sie sich nicht um die inneren Angelegenheiten des Landes kümmerten. Da der Munitionshandel noch frei war, wer hätte ihn auch hindern sollen, wollte ich natürlich auch wieder so viel Munition wie möglich mitnehmen, um die deutsche Politik dadurch zu unterstützen das ich Hendrik in die Lage setzte, die Damaras so viel wie möglich zu ängstigen

        In Walfischbai liessen die Engländer jetzt keinen Munitionshandel zu. Die Südwestafrikanische Kompagnie die in Sandwichhafen einen größeren Vorrat von Pulver und Blei liegen hatte und diesen natürlich gern verwerten wollte, hatte mit ihrer Steamlaunch einen Posten geholt und die Barkasse lag nun mit ihrer Schmuggelfracht gemütlich unter deutscher Flagge in Walfischbai im Hafen. Ich kaufte von der Fracht und als ich vom englischen Magistrat die Erlaubnis zum Landen und Durchtransport durch das englische Gebiet einholte, erfuhr er zu seinem Erstaunen von der Anwesenheit dieses verbotenen Guts im englischen Hafen. Das Zeug war ja nicht gelandet und daher noch nichts strafbares begangen. Der Magistrat gab mir schließlich die Erlaubnis zum Durch Transport, schüttelte aber mit dem Kopf und konnte sich nicht enthalten zu sagen: Mr. Wegner, Mr. Wegner, "You sail very close to the wind".

        Ich fuhr zurück auf meinem alten Wege. In Sandfontein brach mein Wagen und ich mußte das Rad erst wieder nach Walfischbai schicken und reparieren lassen, wodurch ich wieder einen Tag Aufenthalt an der Küste hatte, wo es für die Ochsen nichts zu fressen gab.

        Die englischen Einwohner der Walfischbai hatten gerade an diesem Tage ein Picknick veranstaltet. Mit Eifersucht hatten sie gesehen, dass die Deutschen stets zusammenhielten, gemeinschaftliche Ausflüge etc. machten, wobei die Engländer ausgeschlossen waren, und hatten nun, um auch ihrerseits ihre Einigkeit zu beweisen, ein Picknick in Sandfontein veranstaltet, wozu kein Deutscher eingeladen war; nur mich, da mein verunglückter Wagen dicht bei dem erwählten Lagerplatz stand, konnten sie nicht gut ausschließen und schickten sie dann eine Deputation um mich feierlich einzuladen. Ich habe mich wenigstens besser amüsiert, als wenn ich mutterseelenallein in die Betrachtung des verunglückten Wagens versunken zwischen den Sanddünen gelegen hätte.

        Am nächsten Tage konnte ich meine Reise fortsetzen und kam dann ohne weitere Gefährlichkeit wieder in Rehoboth an, wo ich in alter Manier weiter handelte, gut verdiente und von einem ganz kleinen Händler allmählich in größere Verhältnisse hineinwuchs und nun schon als einer der bedeutenderen Händler geachtet wurde.

        Angenehm war das Leben auch unter den Bastards damals nicht. Auch ihnen wollte die Macht von 20 Mann deutscher Soldaten nicht imponieren und sie nutzten jede Gelegenheit aus, um zu zeigen, daß sie keine deutschen Untertanen und vollständig ihre eigenen Herren wären. War es doch nicht Liebe und Zuneigung, die sie zu uns getrieben hatten, sondern nur politische Berechnung. Der einzelne Deutsche, der unter ihnen wohnte, hatte sich sehr viel gefallen zu lassen und musste mit Klugheit und Nachgiebigkeit seine Stellung behaupten. Die Truppe konnte doch niemanden beschützen und wollte auch nicht, da sie ja nur "ihrer selbst wegen da war.

        Ich wohnte, wie bereits erwähnt, im Hause der Diergaards. Eines Abends kam der älteste Sohn Jacobus in Begleitung des Unterkapitäns Willem Koopman und des Schulmeisters Mathaeus Gertze. Sie vermuteten, dass ich Getränke bekommen hätte und hielten sich für berechtigt, als Grossleute des Platzes diese dem doch nur geduldeten Fremdling auszutrinken. Ich weigerte mich zu öffnen, da packte Jacobus Diergaard der Zorn: "Was ich werde doch in meines Vaters Hause aus- und eingehen können, wie ich will!" Gewaltsam brach er die nicht gerade sehr feste Tür auf und herein strömte das edle Trifolium, ich konnte nichts machen, Getränke gab ich natürlich nicht, sondern setzte mich vor die Tür; die edlen Herren machten es sich im Hause bequem und fingen an, durch die offene Tür zu unterhandeln. „Conradt, komm doch herein" "Nein, geht Ihr erst heraus!"Schließlich wurde den Herren die Sache denn doch zu langweilig und die zogen unverrichteter Sache wieder ab 'Am nächsten Morgen wurde über diesen Fall verhandelt und Kapitän und Rat versprachen heilig und festdass so etwas nicht wieder vorkommen solle. Es kamen ähnliche Szenen später oft genug vor.

        Handel und Verkehr lagen damals noch zum größten Teil in englischen Händen und das Deutschtum war so wenig vertreten, dass, wenn man einen Fremden traf, es fast selbstverständlich war in ihm einen Engländer zu vermuten. Eines Tages kam ich zu Herrn Heidmann und traf im Zimmer sitzend einen fremden Mann. Wir unterhielten uns in englisch natürlich, bis Herr Heidmann eintrat und ganz verwundert fragte, weshalb wir denn englisch sprächen, da wir doch beide Deutsche wären. Der andere war Herr Krabbenhoeft, damals in Keetmanshoop wohnend, - er zog später nach Gibeon - der in Geschäftsangelegenheiten nach Rehoboth gekommen war.

        Später veränderte sich das Verhältnis und während es damals für jeden im Lande eine Notwendigkeit war, englisch sprechen zu können, müssen sich jetzt schon die Engländer und Buren dazu bequemen Deutsch zu lernen.

        Da meine Umsätze eine gewisse Regelmäßigkeit angenommen hatten und meine Lieferanten wußten, was ich gebrauchte, und ich mir auch für mein Vieh regelmäßige Abnehmer verschafft hatte, hatte ich nicht mehr nötig, mit jeder Fracht selbst nach der Küste zu gehen, sondern sandte nur die Wagen und das zu verkaufende Vieh und ließ mir die gewünschten Waren schicken, sodaß ich meine ganze Zeit dem Verkauf widmen konnte.

        Schlimm, der immer noch in Diensten der Sandwichshafener Schlachterei Kompanie stand, war bis jetzt immer noch nicht von der Küste fortgekommen und da er doch auch einmal was vom Lande kennen lernen wollte, hatte er zwei große Frachten geladen und war nach Rehoboth gezogen, um sie zu verhandeln, Er merkte aber bald, daß es mit dem Verhandeln nicht so schnell ging wie er gedacht hatte und war froh, als ich ihm in Bausch und Bogen den ganzen Vorrat gegen Zahlung von Rindvieh abnahm und den Verkauf an meine Kundschaft auf meine Rechnung übernahm.

        Ich war nun mit allen nötigen Waren reichlich versehen und verkaufte meinerseits wieder engros an kleinere Händler, die die Sachen nach Damaraland fuhren und dort bei den Hereros absetzten. Es ging so wie es hier im Lande immer geht. Es wird mit einem ziemlich bedeutenden Prozentsatz gearbeitet und Kaufleute müßten bald reiche Leute werden, wenn den großen Gewinnen nicht große Verluste gegenüberstünden. In den Himmel sind noch nirgends die Bäume gewachsen und auch hier wird vom Gärtner Vorsehung so fleißig verschnitten, daß man froh ist, wenn von dem himmelanstrebenden Baum ein einigermaßen anständiger Busch übrig bleibt.

        Ein englischer und ein deutscher Händler, mein alter Freund O., hatten für je 60 Pfund Waren mitgenommen und Roß und Reiter sah ich niemals wieder. Zwei Gebrüder Campbell handelten nach dem Osten, nach Daararaland, aber was sie brachten, war nur schlechtes Zeug, das gute behielten sie für sich, und niemals bezahlten sie die ganze Rechnung. Ich sah ein, so ging es nicht weiter, und wenn ich auf den Damarahandel nicht verzichten wollte, mußte ich selbst gehen und zu meiner Vertretung im Rehobother Store während meiner Abwesenheit jemanden engagieren.


von Francois
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