Kapitel 15

Fünfzehntes Kapitel
 
Im Gefängnis.

        Inzwischen waren die erwarteten 50 Mann Verstärkung eingetroffen. Die Engländer hatten mit der wohlwollenden Freundschaft, die sie immer für uns hegten und noch hegen, das Landen und den Durchmarsch der Mannschaften durch Walfischbai nicht gestattet, und dieselben waren daher in Sandwichshafen gelandet und mußten nun zu Fuß durch die Sanddünen nach Rooibank marschieren und dabei einen Zipfel des vorläufig als neutral erklärten Gebiets überschreiten. Leutnant von Francois hatte die Leute von Sandwichshafen abgeholt und kam nun nach schwerem, anstrengendem Dünenmarsch, hungernd und durstend, mit ihnen auf Rooibank an.

        Da, an der Grenze des neutralen Gebiets, stellte sich ihm die bewaffnete Macht Walfischbais drohend entgegen: der Magistrat Cleverly mit dem Chief Constabe! Simpson und drei Hottentotten-Polizisten. Wie der Engel mit flammendem Schwert vor dem Eingang zum Paradiese, so standen sie da. "Nur über unsere Leiche geht der Weg".

        Die Truppe nahm Gefechtsstellung ein, und da der Magistrat einsah, daß hier mit großen Worten nichts auszurichten sei, gab er als vernünftiger Mann nach, kommandierte "linksum kehrt" und ließ mit Protest und der Erklärung, daß er nur der Gewalt weiche, die Truppe vorbeiziehen. So war denn für diesmal noch der englisch-deutsche Krieg vermieden und Dame Europa konnte weiter schlafen. Die Soldaten kamen erschöpft und halb verdurstet zum Wassen, trafen auf den auf deutschen Gebiet ihrer wartenden Proviant und konnten sich nach ihrem anstrengenden Marsch nun erst mal ausruhen. 

        Die 50 Mann waren angekommen und Leutnant von Francois machte nun mit ihren und einem Teil der alten Truppe eine Reklame und Einschüchtigungsreise durch das Land. Wir haben jetzt gesehen, welche Macht dazu gehört, die Eingeborenen zu unterwerfen, und man kann sich denken, daß diese Zurschaustellung von 50 Soldaten den Eingeborenen sehr wenig imponierte. Damals aber glaubte man mit dieser Truppe das ganze Land beherrschen zu können und alles in zitternde Furcht zu versetzen Um sich der Welt in ihrem ganzen Glanze zu zeigen, hielt die Truppe Sonntags gerade während des Gottesdienstes als die Gemeinde versammelt war rasselnd und polternd an der Kirche vorbei ihren Einzug und die Gemeinde sang dazu: „O. heil'ger Geist, kehre bei uns ein".

        In Otjimbingwe- wurde einige Tage gerastet. Es gab eine Art Volksfest. Eine kleine Bühne wurde improvisiert, und die Mannschaften veranstalteten eine Abendunterhaltung mit humoristischen Vorträgen, Gesang usw. Darauf zogen sie weiter und kamen zu uns nach Rehoboth, wo die Sache ebenso gemacht wurde. Die Truppe hatte ihr Lager etwas vom Ort entfernt am Flußbett aufgeschlagen. Dort fand diese Abendunterhaltung statt zum Vergnügen der Bastards, denen allerdings solche Schutz noch besser gelallen hätte, wenn es dabei etwas zu trinken gegeben hätte.

        Die Truppe damals war sie noch Kolonialtruppe und nicht kaiserlich und mußte von der Kolonialgesellschall für Deutsche Südwestafrikaner unterhalten werden - hatte alle Sorten von Handelswaren. Blaudruck, Hosen. Hüte, Schuhe usw. usw. mitgebracht und handelte im Flußtal wie ein großer Händler, sodaß mich die Bastards verwundert fragten: „Was suchen die eigentlich hier, kommen sie nur, um zu handeln ?" Leutnant von Francois, als er mich auf dem Wege traf, rief mir freudestrahlend zu. "Das Geschäft gehl, wie beim Bäcker die Semmel".

        Wir hatten den Kopf geschüttelt, als die Kolonialgesellschaft einen Handelsstore aufsetzte, weil dies doch schwerlich der Zweck war, zu dem ihr die großen Landgebiete von der Regierung geschenkt wurden. Als nun aber auch ihre Schutztruppe anfing, zu handeln, fühlten wir uns geradezu beschämt. Eine Regierung, die nicht einmal die Unkosten für 70 Mann bar bezahlen kann und auf solche Weise ihre Unkosten ermäßigen muß, soll lieber von Kolonialpolitik abbleiben.

        Mit Wut im Herzen mußten wir den Spott der Engländer über uns ergehen lassen, wenn sie  höhnten: "Ist Deutschland denn so arm, daß seine Offiziere als Händler fungieren müssen? Nächstens werden wohl in Deutschland die Steuern ermäßigt von dem Profit der hier gemacht wird.

        Die Witbois brachten 6 Ochsen für mich, um Schulden zu bezahlen Aber die Truppe traf sie im Fluß und kaufte sie mir vor der Nase weg. Als ich Samuel Isaak, den Unterkapitän, der die Ochsen brachte, nachher zur Rede stellte und ihn fragte, ob denn die Regierungsware billiger wäre wie meine, meinte er ganz unschuldig, billiger wäre sie nicht, aber es wäre doch die Regierung, und die ging doch vor. Ich war froh, als der deutsche Schutz mit seinem Handel weiterzog und das Geschäft wieder normal wurde.

        Einige Zeit später ritt ich mit einem Buren nach Tsaobis, um einige Pferde zu verkaufen, da wir gehört hatten, daß die Truppe noch Pferde zum Berittmachen der neuen Mannschaften gebrauche. Wir hatten uns auf kleine 10 Pfund Pulverfäßchen eiserne Reifen setzen lassen und benutzten sie als Wasserfäßchen, die wir bequem am Sattel befestigen konnten und vermochten so einen größeren Vorrat mit uns zu führen, als in den gewöhnlichen Wassersäcken. Durchschnittlich ritten wir täglich 8 Stunden, richteten uns so ein, daß wir mittags am Wasser waren.Schliefen nachts im Felde, und hatten Wasser genug und morgens zum Kaffee.        Wir nahmen den Kuisebweg bis Dunkersand, bogen dort ab und erreichten am vierten Tage Andries Picks Werft auf Witwater, wo wir schliefen und am nächsten Tage nach Tsaobis weiter ritten.

        Ich verkaufte hier ein Pferd, das schlechteste, die andern waren zu teuer. Auch Andries Piek konnte von den mitgebrachten ausgezeichneten Jagdpferden keins verkaufen. ,, Aber," fragte ihn der Leutnant, haben Sie zu Hause nicht ein billiges Pferd, welches Sie für etwa 4 Ochsen verkaufen können?" ,,Ja,' sagte Andries, „allerdings, so eins habe ich, aber das habe ich mich geniert mitzubringen. „Bringen Sie's nur her." - Am nächsten Tage wurde es gebracht, der Leutnant probierte es, fand es ausgezeichnet und kaufte es für 4 Ochsen. Der reguläre Preis für ein gutes Reitpferd war damals 7 bis 10 Ochsen. Für meinen,Schecken, den ich damals ritt, hatte ich 12 gute Milchkühe bezahlt. So wurde die Truppe mit elendem Schundzeug von Pferden beritten gemacht, wenn sie nur billig waren, während die Eingeborenen, mit denen es doch eventuell aufgenommen werden mußte, vorzüglich beritten waren. Ich will den Herren Offizieren daraus keinen Vorwurf machen, sie mußten sich mit den ihnen angewiesenen Mitteln nach der Decke strecken, aber glaubte man denn zu Hause auf solche Weise eine Kolonie, größer als Deutschland, von kriegerischen Eingeborenen bevölkert, im Zaume halten zu können?

        Piek sagte lachend später zu mir, „das hätte ich im Leben nicht gedacht, daß ich jemand finden würde, der mir das „Strontpferd" wieder abnimmt."

        Es liegt auf der Hand, daß die Hereros, die von der Macht Deutschlands keinen Begriff haben, und ca. 20 000 Krieger ins Feld stellen konnten, nur nach dem urteilend, was sie sahen, keinen großen Respekt vor der deutschen Regierung hatten, und in dem Gefühl lebten, sich ihrer entledigen zu können, sobald sie ihnen lästig wurde.

        Da ich in meinem Store in Rehoboth jemand haben mußte, der mich während meiner häufigen Geschäftsreisen vertrat, engagierte ich hier einen Unteroffizier Schmidt der sich entschlossen hatte, im Lande zu bleiben, und der auf meinen Antrag von der Truppe entlassen wurde. Wir ritten nun weiter nach Otjimbingue, wo ich meine Waren traf.

        Tew, ein Engländer der schon lange im Lande handelte hatte einen großen Posten Waren von Kapstadt bezogen, und da es ihm darauf ankam, denselben so schnell wie möglich in Ochsen umzusetzen, um Rimesse nach der Kolonie bringen zu können, liess er mir einen Posten ab. Ich schickte Schmidt mit diesem und dem Wagen voraus und wollte zu Pferde nachkommen.

        So etwas durfte nicht geduldet werden. Leute. die eine eigene Meinung haben und sich zu kritisieren erlauben, müssen unterdrückt werden Hier darf nur zu allen Maßnahmen der Regierung Bravo geklatscht werden, und wenn sich ein Händler trotz seines beschränkten Untertanenverstandes Bemerkungen erlaubt, muß er bestraft werden.

        Ich logierte bei meinem alten Freunde Dannert. Wir tranken gemütlich mehrere Schoppen, und am Abend kam auch der Kanzler Nels. Wir sprachen über  verschiedene Landesangelegenheiten, hatten uns das im Lande damals .Sehr selten zu habende Bierreichlich gut schmecken lasen und ich machte meinem Ärger über die Handelei der Schutztruppe in heftigen Worten Luft.

        Noch in der Nacht musste Junker, damals im Kommissariatsbureau beschäftigt. jetzt Land-Rent-meister, nach Tsaobis reiten. Halbwegs verlor sein Pferd ein Eisen, er musste umkehren, Haelbich's aus dem Bett holen, um neu beschlagen zu lassen, und dann ging es noch einmal los. Das Pferd musste zeigen, was es leisten konnte, um einen Staatsverbrecher zufassen.

        Des Morgens um 6 Uhr, ich lag noch in tiefen Schlummer, wurde ich von einer barschen Stimme aus meinen süßen Träumen geweckt, und mit einem Riesenkater im Leibe starrte ich mit grenzenlos erstaunten Augen 6 uniformierten Jünglingen ins Gesicht, die mit aufgepflanzten Seitengewehren und aufgepflanzten Amtsmienen vor mir standen Anfangs glaubte ich. ich träumte noch, als ich aber den Verhaftungsbefehl sah, wurde mir erst vollständig klar, daß ich jetzt unter deutschem Schutze stand Jedenfalls fühlte ich mich sehr geehrt, daß man zu meiner Verhaftung einen Feldwebel und 6 Mann sandte, und rechnete in der Geschwindigkeit aus, wieviel Mann notwendig sein würden, um einige Hereros zu verhaften.

        Mit nüchternem Magen, selbst ohne ein Glas Wasser zu trinken - so viel Zeit wurde mir nicht gelassen - in brennender afrikanischer Sonne zu reiten. ist keine Kleinigkeit für einen älteren Mann, Da die Kultur auf Tsaobis noch nicht so weit vorgeschritten war, daß es dort ein Gefängnis gab, wurde ich in die zu photographischen Zwecken einrichtete Dunkelkammer eingesperrt. Die Aufregung,.der lange Ritt mit nüchternem Magen in brennender Sonne und die Dunkelkammer hatten mich vollständig krank gemacht, und ich war in eine ungewöhnliche Erregung geraten, sodaß ich mich fortwährend in Fieberphantasien befand.

        Nach einigen Tagen erschien Herr Nels, es wurde Gerichtssitzung gehalten, ich zu 8 Tagen Gefängnis wegen Beleidigung der Offiziere der Schutztruppe verurteilt und wieder in meine Dunkelkammer gesperrt Ich wurde immer kränker, sodaß ich zuletzt vollständig im Fieber war. Trotzdem wurde ich nach Beendigung der.8 Tage des morgens um 7 Uhr ohne Kost einfach auf das Feld hinaus gesetzt und mir das Wiederbetreten der sogenannten Feste verboten. Wie krank ich war, war bekannt, denn Leutnant von Francois hatte selbst zu den Mannschaften geäußert, er sei froh, daß er mich los würde, weil er Angst habe, daß ich dort noch sterben könne. Da stand ich nun allein  im Fieberwahnsinn  mitten im Felde. Nach längerem Umherirren traf ich auf einen Bastardpontok, den Leuten war ich von Rehoboth bekannt, sie gaben mir zu essen und zu Trinken, ließen ihre eigenen Pferde holen, mit denen sie mich nach Otjimbingue brachten, wo ich dann spät abends ankam.

        Bei Dannerts wurde ich gut aufgenommen, aber meine Krankheit kam hier erst recht zum Ausbruch, sodas ich tagelang in den wildesten Phantasien lebte. Nach einiger Zeit erholte ich mich unter der guten Pflege und Ruhe, die ich hier genoß, und als zufällig Hans .Diergaard mit Frachten nach Rehoboth durch Otjimbingue kam, war ich so weit hergestellt. daß ich die Gelegenheit benutzen und mit ihm nach Hause fahren konnte.

        In Rehoboth ging mein Handel in alter Manier weiter. Von Schmerenbeck hatte ich einen größeren Posten Waren gekauft. er dagegen meinen ganzen damaligen Vorrat an Rindvieh übernommen, welches er bei einem Rindertransport, den er im Beginn der Regenzeit nach der Kapkolonie beabsichtigte, mitnehmen wollte. Da auch die Sandwichshafener Schlächterei-Kompagnie, welche bereits das Schlachten eingestellt hatte, in der Regenzeit einen Transport unter Leitung des damaligen Bevollmächtigten Wegner nach der Kolonie bringen wollte, und diese darauf rechnete, daß ich für die Zahlung, die ich noch zu leisten hatte, bei Wegners durchkommen Ochsen liefern würde, mußte ich schnell noch einen Teil der großen Warenvorräte, die ich zur Zeit besaß, umsetzen, da ich auf Eingang meiner Aussenstände so pünktlich nicht rechnen konnte Ich entschloß mich daher noch schnell einen Zug ms Damaraland zu machen, um die nötige Anzahl von Ochsen rechtzeitig bereit zu haben.


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