Kapitel 16


Sechzehntes Kapitel

Eine Reise ins Damaraland. Bekanntschaft mit den Kapitänen, Nikodemus, Kehemuma,  Mambo, Kajata und Mbararatio

        Selten waren bis jetzt weiße Händler selbst zu den einzelnen Werften gegangen, um mit den Hereros direkt zu handeln. Die meisten gingen mit einem größeren Warenvorrat nach einem bedeutenderen Platz, so Schmerenbeck nach Okahandja. Erikson nach Omaruru, und sandten von dort eingeborene oder halbblütige Zwischenhändler ins Feld, die dort natürlich auch noch ihren Profit auf die Waren schlugen. Nach einigen Monaten kamen Diese zurück, manchmal auch nicht und rechneten ab, nachdem sie das beste Vieh bei irgend einem guten Freunde weggesteckt hatten und behaupteten nichts anderes bekommen zu haben, als das, was sie vorzeigten. Der weiße Mann ist nach Ansicht der Eingeborenen ja so dumm, und außerdem was will er machen!

        Wie schon vorher gesagt, war es meine Absicht  mit diesem Zwischenhandel zu brechen und selbst zu den Konsumenten ins Feld zu gehen. Der Handel mit den Hereros hatte den Vorteil, daß diese nicht gewohnt waren. Kredit zu nehmen. Sie kauften nicht up bankrott wie die Eingeborenen in ihrem Holländisch sagten. und es lag auch durchaus nicht in meinem Interesse, dieses Bankrottsystem einzuführen. Erst viel später sind die Hereros durch die neueren Händler zu ihrem Schaden mit dem Kreditwesen bekannt geworden und auch ich wurde, nachdem ich mich lange gesträubt hatte, durch die Konkurrenz gezwungen, es anzunehmen.

        Ich lud also eine Fracht Waren und nahm auch einige Henry Martini-Gewehre und einige Kisten Patronen mit. Als Dolmetscher begleitete mich ein Bastard Jan Izaak, der schon häufig im Damaraland Pferde verhandelt hatte und mit den Kapitänen bekannt war; auch ich nahm einige Pferde die ich in Rehoboth eingekauft hatte zum Verkauf mit. Bis jetzt hatte ich auf Rehoboth im festen Store mein Geschäft betrieben. Dies war nun der erste Zug meines Reisehändlerlebens.

        Wir fuhren über Kransnoes zunächst naeh dem Schafrivier, in der Hoffnung dort die ersten Herero Werften zu finden. Aber es nichts war zu bemerken, nicht einmal alte Hütten als Anzeichen, daß vor kurzer Zeit hier noch Leute gewohnt hatten. Weiter ging es zum Seeisfluß, aber auch hier, alles tot und verlassen. Nun, meinte der Dolmetscher, dann werden sie jedenfalls im Nosob liegen. Wieder ging es weiter. Das Feld war ausgezeichnet jetzt im Anfang der Regenzeit. Die Ochsen gingen bis zum Bauch im grünen Gras. Die Bäume und Sträucher waren grün und standen zum Teil in Blüte; Käfer, Bienen und andere Insekten schwirrten umher, kleinere Antilopenarten wurden häufig gesehen und auch größere Springbockherden trafen wir mehrmals an, aber keine Menschen, bei denen wir uns erkundigen konnten, wo denn eigentlich die Hereros säßen. Weiter, immer weiter ging es. Wir näherten uns den Bäumen des Nosobs. Kein Rauch stieg auf. kein Vieh war zu sehen, das Feld war unberührt; hier hatte offenbar in dieser Regenzeit noch kein Vieh geweidet. Weiter flußaufwärts bis nach Otjituezo keine Seele; nicht einmal ein herumstreichender Bergedamara ließ sich sehen. Ja. das war nun klar, im Nosob waren die Hereros nicht. Sie hatten soviel Furcht vor Hendrik Witbooi bekommen, und waren durch seine fortwährenden Angriffe so verängstigt, daß sie sich ganz in das tiefere Innere ihres Landes zurückgezogen hatten.

        Zu damaliger Zeit war der alte Maharero noch Oberkapitän von Damaraland. Ich hatte diesem Botschaft geschickt und ihn davon benachrichtigt. daß ich zu seinen östlichen Leuten einen Handelszug machte und hatte nun sicher erwartet daß er jemand schicken würde, der nach alter Hereromanier um alles Mögliche für den Kapitän betteln mußte. In dieser Weise pflegten die Leute damals die Gewerbesteuer einzuziehen. Aber selbst dies blieb aus. Nun, zum Himmel waren sie jedenfalls nicht gefahren, da gehörte die schwarze Gesellschaft überhaupt nicht hin, in der Erde konnten sie auch nicht versunken sein. Also weiter! Vom Nosob abbiegend, überschritten wir, steile Berge auf- und abkletternd, die Wasserscheide zwischen diesem dem Süden zufließenden Fluß und dem oberen Swakop, der direkt zum Meere läuft und trafen endlich, nachdem wir in das weite Flußtal hinabgestiegen waren, nach sechstägiger Reise auf die ersten Hereroherden, und die dazugehörigen Werften. [14]Tagereise weiter lägen und fuhren am nächsten Tage dorthin.

        Hier wohnten denn nun alle Leute, welche sonst weiter im Westen zerstreut in Nosob und Seeisfluß ihre Wohnsitze hatten, zusammengedrängt um sich gemeinsam besser verteidigen zu können. Bei der Wasserstelle selbst, zu der wir kamen wohnten Kajata und Mambo bei den umliegenden VVasserplätzen ihre Leute; diese gehören zu der Okahandja-Familie dem eigenen Stamm Maharero's. Außerdem wohnte hier Mbararatjo der Kapitän der Kaoko-Hereros mit einem Teil seiner Leute, während der Hauptteil noch im Kaokofeld nördlich und westlich von Omaruru saß. Eine Tagereise entfernt saß Kahemuma, der Häuptling der Mbanderus, und zwischen beiden Kanangati, ein Unterhäuptling letzteren Stammes. Den Oberbefehl über die sämtlichem Leute hatte Nikodemus, eigentlich der rechtmäßige Oberhäupling der Hereros, der später im Jahre 1896 sich empörte, weil nach, dem Tode des alten Maharero nicht er, der rechtmäßige Thronfolger von der deutschen Regierung zum Oberkapitän ernannt wurde, sondern Samuel, der Sohn von Markos. Er wohnte nicht auf dem Platz selbst, aber nicht weit entfernt und kam in den nächsten Tagen an, sah nach Ordnung und machte dann alle Tage, solange ich dort war, seinen Besuch.

        Unter den großen Bäumen am Ufer des Flußbetts wurde mir zwischen den Werften ein Lagerplatz  angewiesen. Wir machten Kräle für Ochsen und Kleinvieh und warteten am nächsten Tage des Handels. der da kommen sollt und den ich notwendig brauchte um zu Hause nach meiner Rückkehr meinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Ich handelte einige Ochsen ein und es schien, als wenn alles zur Zufriedenheit gehen wollte. Da am Abend kamen Mambo und Kajata, brachten die von ihren Leuten eingehandelten Sachen wieder und forderten die gehandelten Ochsen zurück. Alle Preise für meine Sachen wären zu teuer, die Preise welche ich für Ochsen zahlte, zu gering; wenn ich nicht ander Preise machte, müßte ich morgen einspannen und nach Hause fahren.

        Mambo war ein jüngerer Halbbruder des alten Maharero. Kajata galt für einen großen Kriegsmann und Anführer im Felde, der an die Stelle des alten Miarua getreten war, der jetzt schon zu alt geworden war um noch mit ins Feld ziehen zu können. Ich kam zum ersten Mal in diese Gegend, die Hereros hier kannten mich noch nicht. Sie mußten erst ausprobieren welche Sorte von Mensch ich sei, wir mußten uns erst mal die. Zähne zeigen, um später gute Freunde werden zu können; es kam jetzt darauf an wer den härtesten Kopf hatte. Daß die Leute sehr um Handelsgüter verlegen waren und viel kaufen wollten, war klar, eben deswegen kam es ihnen darauf an die Preise zu drücken. Ich wußte sehr genau daß meine Preise billiger waren wie die anderer Händler; ließ ich mich jetzt unterdrücken, so hatte ich ein für allmal verspielt.

        Ich hätte nun zwar die zurückgabe der Ochsen verweigern können, nach dem Grundsatz: gekauft ist gekauft, hielt es indessen für besser zu tun, als wenn mir garnichts an dem ganzen Handel gelegen wäre; ich gab also die Ochsen ab, erklärte aber, daß ich am nächsten Tage nicht fahren würde, weil dann Sonntag wäre und ich als frommer Christ Sonntags nicht fahre. Würden sie sich nicht besinnen, dann würde ich Montag fahren; billiger verkaufen würde ich nicht, denn ich wäre nicht gekommen, um Schaden zu leiden. Mein Dolmetscher meinte, wir müßten jetzt durchhalten. Was die Leute eigentlich beabsichtigten könne er nicht herausbekommen, aber sie hätten seit sehr langer Zeit keinen Händler gehabt und würden gern handeln, wenn sie von ihren Kapitänen nicht zurückgehalten würden.

        Die Nacht verlief ruhig, der nächste Tag auch. Als sich am Sonntag Abend noch kein Mensch sehen ließ, schien es mir gut jetzt mal etwas mehr Ernst zu zeigen, damit die Herrschaften nicht denken sollten ich wolle nachgeben. Ich ließ das "Treckgut" (Zugkette und Ochsenjoche) zurechtlegen, Wasserfässer füllen, traf alle Vorbereitungen, um am nächsten Morgen in der Frühe abfahren zu können und ließ den Kapitänen sagen, am nächsten Morgen würde ich abreisen. Das half; zuerst kamen die 3 bereits gekauften und zurückgeholten Ochsen wieder und die Leute wollten ihre zurückgegebenen Waren haben. Jetzt hatte ich Oberwasser und wurde stolz. Ich ließ mich auf nichts ein. "Wenn Euch meine Waren zu teuer sind dann laßt sie stehen, die Kapitäne haben das Handeln verboten, Streit mit ihnen will ich nicht haben, und wenn sie das Verbot nicht zurücknehmen, verkaufe ich überhaupt nichts." Endlich kam ein Bote von Mambo. ich sollte nur für die bereits gehandelten Ochsen die Waren abgeben, aber mehr handeln nicht. Jetzt hatte ich gewonnen. Aus eigener Machtvollkommenheit betrachtete ich das Handelsverbot als definitiv aufgehoben. Es kam denn auch so heimlich ein Ochse und ein Hammel nach dem andern und am nächsten Tage dachte überhaupt niemand mehr an den Streit, der Handel ging so flott, daß ich den ganzen Tag keine Zeit hatte mich umzusehen.


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