Kapitel 17


Siebzehntes Kapitel

Erste Reise ins Damaraland. , Bekanntschaft mit den Kapitänen Nikodemus, Kahemuma. Mambo, Kajata und Mbararatio. (Fortsetzung)

        Ich kam gerade vom Kraal zurück, wo ich einen Posten gekauftes Vieh in Empfang genommen hatte, als ich in meinem Wagen auf meinen Decken zu meiner Verwunderung einen langen Herero liegen sah. Er hatte sich ganz gemütlich eine Treckorgel (Ziehharmonika) genommen, hatte die Pfeife im Munde und ließ vergnügt die holden Töne des schönen Instruments erschallen. Zuerst sah ich mir die Geschichte stummen Staunens voll an, dann wollte ich aufsteigen und den unverschämten Kerl hinunterwerfen, aber mein Dolmetscher hielt mich zurück. Das ist ja Nikodemus, laß den nur laufen, wenn Du es mit dem verdirbst, brauchst Du nicht mehr nach Damaraland zu kommen, um zu handeln. Nach einiger Zeit kam er zum Vorschein, begrüßte mich sehr freundschaftlich, (meine Treckorgel hatte er unter dem Arm), er hätte schon viel von mir gehört und sei deshalb gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Kaufen würde er nichts, seine Ochsen seien weit weg und Schulden wolle er nicht machen, außerdem hätte er nichts nötig. Aber die ganze Sache beim Wagen gefiele ihm nicht. "Weißt Du nicht, daß meine Leute stehlen? Wenn Du es nicht weißt sag ich es Dir:  sie stehlen! Gib mir mal 3 Beile." Ich gab sie und er ließ nun von seinen Leuten Büsche abhauen, und einen dichten Kraal um meinen Wagen ziehen, sodaß dahinter ein kleiner, freier Platz zum Kochen blieb; nur der Zugang von vorne zum Wagen blieb frei. Dann beauftragte er Kajata, solange ich dort sei von morgens früh bis abends auf der Vorkiste meines Wagens zu sitzen, auf Ordnung zu sehen und dafür zu sorgen, daß kein Streit vorkäme. Nachdem er alles dies angeordnet und seine Pfeife wieder in Betrieb gesetzt hatte, natürlich von meinem Tabak, legte er sich mit meiner Treckorge! zufrieden in den Schatten eines großen Baumes und spielte sich den nächsten Vers vor.

        Allmählich nahm das Leben die reguläre Form an, d.h. es wird nur des morgens früh Vieh gebracht, bevor es auf die Weide getrieben wird, und des abends, wenn es zurück gekehrt ist. Am Tage kommen nur einzelne Leute von weiter ab gelegenen Werften, die längere Zeit das Vieh zum Wagen anzutreiben haben. Leute von außerhalb kommen, probieren Sachen an, erkundigen sich nach dem Preise, stellen auch wohl die ausgesuchten Sachen zurück, die sie kaufen wollen, sehen sich meine eingehandelten Tiere an und erkundigen sich bei meinen Leuten nach dem Preise, den ich für die einzelnen Stücke bezahlt habe, und gehen dann wieder nach Hause, um ein passendes Tier auszusuchen, welches möglichst genau dem Wert der gewünschten Sachen entspricht. Das ist der Unterschied in Herero und Hottentottenhandel. Ein Hottentot, der ein Stück Vieh zum Händler bringt um irgend etwas zu kaufen, wird das Vieh auf jeden Fall losschlagen, auch wenn er die gewünschten Waren nicht vorfindet, er nimmt dann etwas anderes, aber das Tier wieder zurückbringen und sich wegen seiner mißglückten großen Pläne von seinen Werftgenossen auslachen lasser, wird er niemals tun. Ein Herero dagegen, der sich ein Paar Hosen kaufen will, wird ein Kalb bringen, welches möglichst genau den Wert hat. Gefallen ihm die Hosen des Händlers nicht, oder bekommt er für sein Kalb nicht den Preis, auf den er gehofft hat, wird er die Tiere ruhig wieder nach Hause treiben, um entweder beim nächsten Händler wieder zu probieren, oder ohne Hosen zu bleiben bis sein Kalb groß genug ist.

        Ein Herero. der hier in der Nähe wohnte, hatte mit seinem Kleinvieh seit Jahren weiter geburt, es hatte sich vermehrt, er hat gespart, nichts geschlachtet, sondern für Hammel und Karpater wieder Muttervieh eingetauscht und war jetzt glücklicher Besitzer einer größeren Herde. Jetzt fühlte er sich als Großmann und wollte nun, wie die andern Großleute auch, Kleider tragen. Er kam den ersten Tag mit einem Trupp Vieh und kaufte Hose und Hemd; den nächsten Tag kam er wieder mit mehreren Stück; nun hatte er einmal angefangen, nun mußte er auch Schuhe und ein Jackett haben. Als er am dritten Tag wieder mit einem Trupp Karpater kam, wurde er von seinen Freunden und Nachbarn schon mit einem Freudengebrüll empfangen, jetzt hatte er auch noch einen Hut und verschiedene Kleinigkeiten nötig. Aber Stolz spazierte er jetzt bekleidet mit seinen neuerworbenen Herrlichkeiten auf dem Platze umher, mit dem Gefühl "mir kann keiner",um sie wahrscheinlich am nächsten Tag in seiner Kiste zu verpacken und wieder nackend hinter seinem Vieh herzulaufen. Die Feldhereros tragen Kleide in der Regel nur bei Besuchen auf fremden Werften, und wenn sie auf Pferden reiten, beim reiten auf Ochsen genügen ihre gewöhnlichen Felle.

        Ein mir bekannter Herero ging sonst immer in sehr sauberer europäischer Kleidung; jetzt aber halte er eine neue Frau genommen - die vierzehnte - und bei einer so feierlichen Gelegenheit mußte er in Nationaltracht, den fettschimmernden braunen Fellen, die vom Gürtel abwärts bis zu den Knien den Unterleib  bedeckten, erscheinen. Er würde ja sonst seine schönen Kleider an seiner eingefetteten neuen Frau verderben. Denn wenn auch die reicheren Hereromänner Kleider besitzen, obgleich sie sie zu Hause beim Herumgehen zwischen Dornbüschen nicht immer tragen, so tragen doch Frauen nur, wenn sie Christen geworden sind, europäische Kleider. Heidnische Frauen tragen nur mit Fett eingeschmierte und mit Eisenperlen verzierte Felle auf ihren mit Fett und Ocker eingeriebenen Leibern. Kajata fühlte sich sehr geschmeichelt, als ich ihm zu seinem vierzehnten Hochzeitstage gratulierte, und benutzt selbstverständlich die Gelegenheit, um ein Geschenk zu betteln.

        An einem dieser Abende kam Mbararatio mit mehreren seiner Leute und musterte in so auffälliger Weise die eingehandelten Ochsen in meinem Kraal, daß ich sofort Unrat witterte. Und wirklich sollte mir gleich die Offenbarung werden, daß Nikodemus mit seiner Behauptung, die Leute stehlen, Recht hatte. Einem von Mbararatio's Leuten waren zwei Ochsen gestohlen und diese von dem Diebe an mich verkauft worden . Billiger ist es ja allerdings, seine Bedürfnisse mit anderen Leuten Geld zu zahlen. Die Schuldigen wurden bald entdeckt, sie mußten die von mir für die gestohlenen Ochsen eingekauften Sachen herausgeben und Mbararatio erhielt seine Ochsen wieder.

        Der Großmann von der Werft der Diebe kam dann zu mir und hielt eine lange Rede, die Schande wäre doch für ihn zu groß, daß er Sachen. die bereits gekauft hätte, wieder abgeben müsse, er hätte aber keine andern Ochsen bei der Hand die er an Stelle der gestohlenen setzen könne. Daher möchte ich ihm die Waren auf Kredit geben, es klebte nun doch einmal Blut daran und bei meinem nächsten Wiederkommen würde er bezahlen. Da auch Mambo und Kajata für ihn sprachen und gelobten, dafür sorgen zu wollen, daß bei meiner Rückkehr Bezahlung erfolgte, ließ ich ihm die Sachen. Es waren dies die einzigen Außenstände, die ich bei meiner Abreise zurückließ. Damals, zu Zeiten des alten Maharero, war die Pumperei bei den Hereros noch nicht üblich. Die ist erst später, als Zeichen der Zivilisation, von den neuen Händlern eingeführt. Bezahlt wurde allerdings jene Schuld nie. Aus dem einfachen Grunde, weil ich. durch verschiedene Umstände verhindert, nie.mehr nach dieser Gegend kam.

        Der Handel schien hier zu Ende zu sein, und da mich Kahemuma auffordern ließ, zu ihm zu kommen und er nur eine Tagereise entfernt wohnte, fuhr ich dorthin. Er war der damalige Kapitän der Mbanderu und als solcher hielt er es unter seiner Würde, zu mir zu kommen und auf der Werft eines andern Kapitäns zu handeln. Auch unter den Schwarzen gibt es Standesunterschiede und Eifersüchteleien unter den Großleuten gerade so wie bei uns, und obgleich die Hereros und Mbanderus sehr nahe verwandt sind, und dieselben Sitten haben und dieselbe Sprache, wenn auch in etwas verschiedenen Dialekten, hielten sie doch gegenseitig auf ihre Selbständigkeit.

        Ich fuhr daher zu dem Alten verrufenen Sünder, namentlich da die Mbanderus, weil sie länger Sklaven der Hottentotten gewesen waren, und mehr die Manieren der letzteren angenommen haben, weniger knauserig und daher bessere Käufer sein sollten. Ich hatte mich aber getäuscht. Aufgenommen wurde ich zwar recht freundlich. Gleich nachdem ich angekommen war, fand sich Zacharias der Bruder Kahenimuas, ein und stellte sich als der Mann vor, der von dem Kapitän beauftragt sei bei meinem Wagen nach Ordnung zu sehen und die Eingeborenen vom Streit abzuhalten. Er bat sich zunächst Beile aus und machte eigenhändig mit mehreren seiner Leute große Krale für mein Viehzeug, wies einen Brunnen an, bei dem wir tränken sollten, bettelte natürlich und wurde ebenso natürlich für seine Hilfe entsprechend belohnt. Eins der alten Sprichwörter der erfahrenen alten Händler lautet: "Man muss stets mit einer Hand geben um mit zweien wieder nehmen zu können

        Der Handel ging ziemlich schwach. Die beiden Gewehre, die ich mithatte, wurden hier für 12 Ochsen pro Stück verkauft, den gewöhnlichen Preis, aber die Leute brachten zunächst nur 10 und wollten die andern 2 noch vom Posten holen. Es hatte sich bei den Damaren beim Handel der Gebrauch eingeführt, daß es für bestimmte Waren, eine ganz bestimmte Altersklasse von Ochsen gab. So verstanden sich beim Handel mit Pferden dreijährige Ochsen, für Gewehre und Munition mußten die Ochsen vierjährig sein; beim Kauf von Wagen, die die reicheren Hereros sich damals fast sämtlich anschafften, verstanden sich schwere Schlachtochsen.

        Der alte Kahemuma hatte mich auffordern lassen, ihn auf seiner Werft zu besuchen, und ich ging daher mit meinem Dolmetscher zu ihm. Ein großer Hauptkraal umgab in großem Bogen das ganze Dorf. In diesem standen gruppenweise die Pontoks der einzelnen Familien, welche wieder von einem besonderen kleinen Kraal umgeben sind. In der Mitte brannte Kahemuma's heiliges Feuer, und an diesem saß er selbst und neben ihm waren zwei für uns bestimmte Stühle gestellt.

        Ebenso wie bei den Hereros ist auch bei den Mbanderus der Kapitän gleichzeitig Oberpriester und als solcher Wächter des heiligen Feuers Dieses darf niemals ausgehen, von ihm empfängt jede Familie ihr Werftfeuer, gleichsam einen Ableger des gemeinschaftlichen Stammesfeuers, welches sie gleichfalls brennend erhalten mußten Wandert die Werft, so wird ein brennender Ast mitgenommen, mit dem, sobald er ziemlich zuende gebrannt ist, ein neues Feuer angezündet wird. Von diesem Feuer wird dann wieder ein brennender Scheit mitgenommen usw, bis man auf dem erwählten neuen Platze angekommen ist.  Sollte trotzdem das Werffeuer durch irgendein Unglücksfall erlöschen, so muß neueres wieder von dem gemeinschaftlichen Stammfeuer geholt werden. An diesem Feuer also saß Kahemuma, ein Mann von ca. 60 Jahren, sehr wohl beleibt und, anders als andere Kapitäne in sehr schmierigen Kleidern. Er lud uns ein, Platz zu nehmen. Von einer seiner Frauen wurde ein großes, aus Holz geschnitztes Gefäß mit Omaere (saure, mit gestampften Wurzeln gewürzte Milch) gebracht. Gereinigt werden diese Gefäße niemals und an den Seitenwänden pflegt eine dicke Schmutzkruste zu sitzen. Kahemuma schöpfte einen großen, etwa 1 lieter haltenden  Holzlöffel, nahm nach Hererositte einen Schluck und reichte . Ich trank und reichte ihn dem Dolmetscher weiter. Appetitlich war die Sache nicht aber ländlich sittlich, und da ich den Kapitän nicht  beleidigen durfte, mußte ich soviel wie möglich hinunterschlucken. Unangenehm schmeckt diese Milch nicht, und als die Eingeborenen später kultivierter wurden und sie in reinlichen Gefäßen brachten, habe ich sie immer gern getrunken. Dadurch daß die frische Milch stets zu der alten gegossen wird, gerinnt sie sofort und enthält daher das ganze Fett. Der Kapitän muß regelmäßig erst die Milch antrinken. Auch wenn auf der Werft die Kühe gemolken werden, wird ihm jedes vollgemolkene Gefäß gebracht, das er wenigstens mit den Lippen berühren muß, ehe andere davon trinken dürfen.

        Es wurden nun die gewöhnlichen Gespräche geführt: ..Kora inambo (erzähle Neuigkeiten) -„Ich habe kein.  - Kora, "Ich habe nichts Neues.", - "Ich habe wirklich nichts zu erzählen". - "Wo hast Du zuletzt geschlafen?" - "Wie lange bist Du unterwegs?" - "Sind Leute gestorben" oder "hast Du von Krankheiten gehört?" usw. usw. Nachdem so der offizielle Besuch erledigt und dem Gebrauch Genüge geleistet, auch der übliche Tabak gebettelt war, empfahlen wir uns wieder und gingen nach unserm Wagen zurück.

        Hier waren inzwischen die vier für die Gewehre noch rückständigen Ochsen angekommen, aber so elende, verkrüppelte Dinger, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich wollte sie nicht annehmen. Wieder ließ Kahemuma mich rufen. Wir stritten und stritten; er bestand darauf, daß ich die Ochsen annehmen müsse, und ich bestand darauf, daß ich vierjährige Ochsen und keine verkrüppelten Kälber zu fordern hätte. Schließlich sagte er, dann könne ich meine Gewehre wieder bekommen und die bereits empfangenen Ochsen abgeben; dann müsse ich aber direkt, ohne andere Werften zu berühren, nach Rehoboth zurückfahren. Wieder die ultima ratio der Eingeborenen: entweder Du fügst Dich, oder wir lassen Dich nicht weiter gehen und Du darfst nicht mehr handeln. Ich kannte diese Manier nun schon reichlich genug und ließ mich nicht mehr einschüchtern. Ich erklärte ihm, daß ich für diesen Zug genug gehandelt hätte und nach Rehoboth zurückfahren würde, aber so, wie es mir gefiele, und zwar auf demselben Wege. den ich gekommen wäre. So schieden wir beide wutentbrannt.

        Am nächsten Morgen nahm ich die vier schlechten Ochsen an, da ich ja doch schon 20 gute hatte. Kahemuma hatte sich jetzt zwar bereit erklärt, die 4 schlechten Ochsen zurück zu nehmen, behauptete aber keine anderen, besseren in der Nähe zu haben, und daher Kredit bis zu meinem nächsten Kommen verlangt. Da er jedoch als fauler Zahler bekannt war, zog ich vor, nach dem Sprichwort "Ein Sperling in der Hand ist besser, als eine Taube auf dem Dache", zu behalten, was ich hatte, und mir dadurch zugleich für die Zukunft das Renommee eines kulanten Geschäftsmannes zu sichern. Ich spannte also ein und fuhr wieder zu Mambo und Kujata zurück in der Absicht, von dort den Swakop aufwärts zu verfolgen. Es kam aber nicht dazu, denn ich hatte den Leuten gefallen und es kamen noch so viele Kunden aus der Umgegend, daß ich hier vollständig ausverkaufte, sodas ich von hier zufriedenen Herzens mit einigen 70 Rindern und ca. 400 Stück Kleinvieh nach Hause fuhr.

        Ein Zwischenfall passierte hier noch, der für Nikodemus charakteristisch ist, und da dieser noch eine große Rolle in der Geschichte unserer Kolonie spielen sollte, will ich ihn hier erzählen.

        Eins von den Pferden, die ich zum Verkauf mitgebracht hatte, war früher im Besitz der Hereros gewesen und von Hendrik im Kriege erbeutet gewesen, ohne daß ich es wußte. Ich hatte es in Rehoboth gekauft, vielleicht schon aus der zweiten oder dritten Hand. Wenn ich seine Herkunft gekannt hätte, würde ich mich gehütet haben, es mit nach Damaraland zu nehmen. Die Hereros erkannten das Pferd, wollten eine große Kantorerei anfangen und mich als Mann, der Hendrik Witbooi's Händler war, womöglich ausplündern; namentlich führte ein langer großmäuliger Kerl hierbei das Wort. "Ooizeze" (Du lügst) sagte Nikodemus zu ihm, ..was für ein Kapater ist es, den Du soeben an Conrad verkauft hast?" - „Ja, den habe ich im Kriege erbeutet." -"Und Du verkaufst ihn ohne das zu sagen? Wenn Hendrik nun den Händler abschießen will, weil er seinen Kapater von seinen Feinden gekauft hat? Nun, Hendrik hat das Pferd auch erbeutet und der Händler hat es gekauft; kann er etwas dafür? Führt er Krieg mit uns? Schweige jetzt still, opuo (zu Ende)."

        Nikodemus war ein offener ehrlicher Charakter und ein tüchtiger, energischer, selbständiger Mann. Jedenfalls hätten wir, wenn er Oberkapitän geworden wäre, früher schon einen allgemeinen Aufstand sämtlicher Hereros gehabt, als unter dem schlappen Seele Samuel und würde dann, da das ganze Schutzgebiet als wertlos verschrien war, so energisch wie jetzt eingeschritten sein? Unter dem Caprivi'schen Regime hätten wir wohl wenig zu hoffen gehabt.

        Als ich auf dem Rückweg über Kransneus kam, wurde mir mitgeteilt, daß auf Rehoboth ein Deutscher angekommen sei der auf mich warte. Es konnte dies nur Wegner von der Deutsch-Südwest Afrikanischen Kompagnie sein, und ich beeilte mich daher, nach Hause zu kommen. Wegner, der ja von mir Zahlung zu verlangen hatte, hatte außer auf die meinigen noch auf andere Rinder zu warten und wußte ja daß Ich in einigen Tagen zu Hause sen mußte. Ihm hatte aber die von mir schon früher an Schmerenbeck verkauften und noch meiner Aufsicht befindlichen schönen Ochsen und Kühe in die Augen gestochen. Er hatte sich also mit dem Kapitän Hermanus van Wyk in Verbindung gesetzt und dieser ließ trotz des Protestes meines Vertreters Schmidt diese Rinder einfach vom Posten holen. Selbstverständlich waren ihm von Wegner große Versprechungen gemacht und außerdem wurden sein alter Leib mit den nötigen Getränken neu stärkt. Von verschiedenen Seiten wurde Hermanus van Wyk aber doch gewarnt und aufmerksam darauf gemacht, daß er mit Sachen, die deutsche Leute untereinander haben, absolut nichts zu tun hätte, und er für jeden Schaden, den er durch seine Dummheiten anrichte, mit seinem eigenen Vermögen verantwortlich sei. Schließlich wurde ihm die Sache denn auch bedenklich. Er schickte die Rinder nach ihrem Posten zurück und Wegner war der schöne Plan, diese Ochsen zu seinem eigenen Preis sehr billig zu annektieren, nicht geglückt. Wäre es der Fall gewesen, so,.wäre er damit schleunigst verschwunden und der Kapitän Hermanus van Wyk konnte dann die Sache ausbaden. Ich hätte jedenfalls den Schaden gehabt, denn die deutsche Regierung hätte wohl kaum die Macht gehabt, den Kapitan zum Schadenersatz zu zwingen, hätte es auch wohl kaum probieren wollen, da sie mit ihrer Schwäche es mit den eingeborenen Machthabern ja nicht verderben durfte.

        Bei meiner Ankunft waren die Ochsen schon wieder auf ihrem Posten. Mit freundlichem Lächeln empfing ich Wegner, erkundigte mich nach seinem Befinden und teilte ihm mit, daß ich am nächsten Tage mit ihm abrechnen würde.

        Als ich am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang aufgestanden war, sah ich, daß Wegner bereits beim Krale war und sich das schönst Vieh herausgejagt hatte. Das ging mir denn doch über die Hutschnur.

        "Guten Morgen, Herr Wegner!. Was betreiben >Sie denn hier in meinem Kraal für Geschäfte?" "Sie haben doch versprochen, daß Sie heute mit mir abrechnen wollten,"
"Das stimmt; aber wollen Sie denn in meiner Abwesenheit mit den Ochsen abrechnen? Ich denke ich spiele auch noch mit bei dieser Partie.

        Wegner produzierte nun ein von Herrn Kanzler Nels verfaßtes Schriftstück, in welchem dieser anordnete, daß, da Meinungsverschiedenheiten über den Preis von Ochsen zwischen Wegner und mir ausbrechen könnten, die Herren Schluckwerder und Heidmann zu Sachverständigen ernannt werden, die die Ochsen nach Landespreis zu taxieren hätten. Da ich mit meinen Verpflichtung nicht rückständig war und mich durchaus nicht weigerte zu zahlen, konnte ich nicht verklagt werden und es kam mir etwas merkwürdig vor, daß ein Richter bereits pränumerando Verfügungen treffen konnte. Ich erklärte mich aber einverstanden.

        "Ja, Wegner. das ist ja ganz schön; wo steht denn aber hier auf diesem schönen Papier daß Sie berechtigt sind, sich aus meinem Vieh das beste auszusuchen?"
        "Ich nehme nur gute Ochsen"
        "Wo stehet das geschrieben?" Hier ist unser Kontrakt; danach habe ich bei ihrer Durchreise mit Rind- und Kleinvieh zu bezahlen."
        "Hier in Afrika gibt es kein Gesetz und jeder muß sehen, wie er zurecht kommt."
        "Das stimmt, das tuhe ich auch. Piet. Koos, Klaas, jagt mal die Ochsen alle wieder in den Kral zurück; und jetzt werde ich Ihnen herausjagen, was ich verkaufen will. Vorläufig aber lade ich Sie ein, inzwischen mit mir Kaffee zu trinken. Ich habe nämlich noch keinen getrunken und so lange wird die Sache wohl warten können."

        Beim Kaffeetrinken verständigten wir uns dann. In meinem ersten Zorn wollte ich ihm überhaupt keine Ochsen, sondern nur Kleinvieh geben. Schließlich ließ ich aber doch Gnade für Recht ergehen, bezahlte Rindern und ließ sogar die allermagersten zurück.

        Schluckwerder und Heidmann taxierten die Rinder jeder für sich und da sie mit ihrer Schätzung genau übereinstimmte, mußte Wegner die Tiere zum reellen Rehobother Preise übernehmen^ nicht wie sein schöner Plan war, für die Hälfte. Er mußte noch einige Tage auf andere Ochsen von Otjimbingue warten und zog dann nach der Kolonie weiter. Nach Deutsch-Südwest-Afrika ist er nicht zurückgekommen.

        Auch Schluckwerder ging mit einem Posten Rindvieh nach der Kapkolonie und außerdem gingen noch verschiedene andere Züge ab. Im ganzen verließen in der Regenzeit 1891/92 etwa 12,000 Stück Rindvieh das Land in der Richtung nach Kimberley, außer den Transporten die vom dem Damaraland über den Ngamisee nach Osten gingen. Mit kleineren Posten, die eingeborene Pferdehändler Bastards und Betschuanen fortführten, kann man den damaligen durchschnittlichen Export auf circa 20,000 Stück Rindvieh taxieren. Fast alle diese Rinder kamen von den nur einen Bruchteil des Landes bewohnenden Hereros, und auch von diesen wurde der von ihnen bewohnte Teil nur ungenügend, um die vorhandenen natürlichen Wasserstellen herum, ausgenutzt. Das von Hottentotten bewohnte Namaqualand produzierte fast nichts und die Bastards, die früher bei allen Kriegen der Eingeborenen in Mitleidenschaft gezogen worden waren, wurden erst nach Ankunft der Deutschen wohlhabend.

        Auch Tew brachte einen Posten von 1500 Stück Rindvieh fort. Es waren zum Teil seine eigenen, zum andern Teil Ochsen, die er für eine Otjimbinguer englische Firma mitnahm. Er hatte aber Unglück. Obgleich er sich nach den Wasserverhältnissen auf seinem Wege erkundigt und gute Nachrichten erhalten hatte, fand er unterwegs, daß er irre geführt war; die Wasserstellen waren trocken; viele Ochsen verdursteten, die andern zerstreuten sich und von dem ganzen Transport wurde nur wenig gerettet.

        Auf Rehoboth hörten wir davon und schickten eine Karre mit Wasser. So wurden wenigstens die Menschen am Leben erhalten. Es war ein sehr harter Verlust, den Tew erhielt. Durch Entgegenkommen seiner Gläubiger und Hilfe die er von zu Hause erhielt, gelang es ihm zwar sich über Wasser zu halten, aber lange Zeit hat er zu tragen gehabt und schwer arbeiten müssen, um die Scharte wieder auszuwetzen. Man spricht viel von dem hohen Prozentsatz, mit dem die Händler hier arbeiteten. Zieht man aber in Rechnung, welchem Risiko sie ausgesetzt waren und welche Verluste sie manchmal zu erleiden hatten, so wird es einleuchten daß dieser hohe Prozentsatz gerechtfertigt und sogar notwendig war.

        Erst in neuerer Zeit, seitdem durch -die Schutztruppe Absatz für das Vieh wenigstens zum Teil im eigenen Lande geschaffen war, haben sich Risiko und Unkosten vermindert und es sind infolgedessen von selbst die Preise für Waren gesunken. Sind erst Minen im Lande in Betrieb, wie es ja wahrscheinlich nach Beendigung des Krieges der Fall sein wird, so werden sich die Preise noch mehr ändern. Angebot, Nachfrage und Konkurrenz regulieren eben die Preise; mit Vorschriften vom grünen Tisch der  unfruchtbaren Theorie läßt sich hier nichts ändern.


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