Kapitel 18


Achtzehntes Kapitel

Gründung von Windhoek. - Tod des alten Maharero. - Samuel Maharero wird Oberkapitän der Hereros.

        Die Regierung hatte ihren Sitz noch in Otjimbingue, während die Schutztruppe in Tsaubis blieb. Mit der Zeit wurde die Situation unbequem und es wurde geplant die Station für die Truppe zu verlegen. Da aber befürchtet wurde, daß die Eingeborenen Schwierigkeiten machen würden, wurden Wagen gemietet mit unbekanntem Ziel und Frachtpreise für verschiedene Plätze am Wege von Otjimbingue bis nach Rehoboth vereinbart. Ein Preis pro Kilometer-Zentner ließ sich damals mit den eingeborenen Frachtfahrern - deutsche gab es damals noch nicht - noch nicht einführen, weil die Eingeborenen keine Ahnung davon haben was ein Kilometer ist. Der für den Platz, auf welchem abgeladen wurde, maßgebende Preis sollte dann ausbezahlt werden. Die Kolonne setzte sich in Bewegung bis nach Windhuk. Dort wurde angehalten und abgeladen. "Hier ist gut sein, hier laßt uns Hütten bauen".

        Eigentlich war die ganze Vorsicht unnötig, denn als bekannt wurde, daß die Truppe ihren Wohnsitz weiter nach dem Innern verlegen wollte, wußte jeder Mensch im Lande, Weißer wie Eingeborener, daß der erwählte Platz nur Windhuk sein konnte.

        Obgleich Windhuk zu damaliger Zeit vollständig unbewohnt war, da keine der verschiedenen Parteien wagen durfte, sich hier niederzulassen, machte doch jeder Stamm Eigentumsansprüche darauf geltend und wußte sein Recht auf irgend eine Weise zu begründen. Jan Afrikaner hatte früher hier lange Zeit gewohnt, hatte auf Klein Windhoek eine Missionsstation gehabt und deshalb gehörte der Platz ihm; - die Hereros hatten die Hottentotten vertrieben, hatten den Platz erobert und deshalb gehörte er ihnen. Die Bastards hatten früher in Gemeinschaft mit den Hottentotten Krieg gegen die Hereros geführt und deshalb beanspruchten sie den Platz. Dirk Matros, ein alter Bastard, erklärte; "Windhuk is op mijn paarden zijn stront gebou, Windhuk is mijne". Die Grenzen zwischen den eingeborenen Stämmen waren sehr ungenau wegen der häufigen Verschiebung der Weidegebiete infolge der ewigen Kriege. Ursprünglich kannten die Eingeborenen ein Eigentumsrecht an Grund und Boden nicht; wo jemand sein Vieh weidete da gehörte ihm Gras und Wasser; verließ er den Platz, so blieb dieser herrenlos zurück. Nur ein gewisses Nutzungsrecht wurde anerkannt da, wo ein- einzelner Stamm oder eine bestimmte Familie regelmäßig zu weiden und zu tränken pflegten.

        Als nun die Deutschen mit andern Anschauungen über Eigentumsrechte an Grund und Boden ins Land kamen, gestalteten sich auch die Ansichten der Eingeborenen den neuen Verhältnissen entsprechend allmählich um. In der ersten Zeit herrschte natürlich noch eine große Verwirrung der Begriffe und da feste Grenzen früher nicht existiert hatten, beanspruchte jeder Stamm jetzt so viel wie möglich wenn nicht alles. Als dann später auch Farmen an Weiße verkauft wurden, gaben die Kapitäne am liebsten das Land ab bei dem das Besitzrecht am zweifelhaftesten, und worauf ihnen der Nachweis ihrer Ansprüche am schwierigsten war.

        Als nun die Deutschen Windhuk als herrenlos betrachteten und sich dahin setzten, schrieen alle. Denn in Wirklichkeit war Windhuk unbewohnt nicht weil es herrenlos, sondern weil es zu reich an Herren war, und, wenn sie es sich auch gegenseitig nicht gönnten, mit welchem Recht gehörte es denn den eben erst fremd ins Land gekommenen Deutschen?

        Die Deutschen saßen nun aber da; hier bin ich und hier bleibe ich. Zuerst wurde 'die Kaserne gebaut, allmählich entstanden die anderen Regierungsgebäude, ein Haus nach dem andern wuchs aus dem Boden heraus und der Platz fing an nach einer Niederlassung weißer Leute auszusehen.

        Auch ein Store wurde eingerichtet, in dem die Mannschaften und Zivilisten ihren Bedarf decken konnten. Da über die Handelei der Truppe doch zuviel im Lande gesprochen wurde, so wurde der Store verpachtet und von Mertens & Sichel übernommen, welche als Pacht 30 Prozent vom Ertrage abgeben mußten. So wurde dem Verlangen nach Einstellung des Truppenhandels gewillfahrt, ohne daß doch die Truppe auf den ganzen Verdienst verzichten mußte.

        Aber Mertens & Sichel machten trotz der 30 Prozent, die sie abgeben mußten, noch ein vorzügliches Geschäft, denn Konkurrenz war nicht vorhanden, und auf Windhuk, als dem Mittelpunkt des Landes, entwickelte sich ein großer Verkehr. Als nun auch der Sitz der Regierung hierher verlegt wurde, hatte jeder Weißer sowohl wie Eingeborene Häuptlinge hier zu tun.

        Ich machte wieder einmal einen Handelszug nach Damaraland. Da ich einen größeren Posten Pferde zu verkaufen hatte, nahm ich diesmal meinen Weg über Okahandja.

        Der alte Maharero war gestorben. Nach Herero Sitte mußte das sämtliche Vieh des Verstorbenen nach dem Grabe gebracht werden, damit es der Geist des Toten noch einmal sehen konnte; dann wurde es unter die Verwandten verteilt. Das Erbschaftsrecht bei den Hereros ist von dem unsrigen sehr verschieden. Der Sohn erhielt am wenigsten, und Samuel Maharero galt unter seinen Stammesgenossen nicht als ein besonders reicher Mann. Sein Vater hatte sich ein sehr bedeutendes Vermögen zusammengeerbt, denn da er als Stammesoberhaupt die Erbschaften zu regulieren hatte, war er nach dem Tode jedes reichen Mannes stets pünktlich an Ort und Steile und vergaß niemals, sich für seine Bemühungen entsprechend schadlos zu halten.

        Bei der Totenfeier wurden denn auch die Totenochsen des alten Häuptlings geschlachtet. Von diesen Totenochsen zieht jeder Herero zu seinen Lebzeiten einen Posten auf, dessen Größe sich nach seinem Vermögen richtet. Bei seinem Tode werden diese Ochsen geschlachtet und die Hörner an einem in der Nähe des Grabes stehenden Baum befestigte. Als ich später einmal auf der Werft von Tjetjo des Kapitäns der Omaheke, war, lebte dessen alter Vater noch. Er mußte sehr alt sein, da Tjetjo selbst schon ein alter Mann war. Die Hereros, die es ja mit Zahlen nicht besonders genau nehmen, behaupteten, er sei 280 Jahre alt. Dieser hatte bestimmt, daß bei seinem Tode sehr viele Ochsen geschlachtet werden sollten, seinem Reichtum entsprechend, und zwar sollte nicht nur einmal bei seiner Totenfeier geschlachtet werden 4 Jahre lang in Zwischenräumen immer zehn mit einem Mal.

        Das Fleisch dieser Totenochsen wird nicht von den Verwandten gegessen, sondern an arme-Leute und Diener verteilt. Die Angehörigen schlachten für ihren eigenen Gebrauch eine oder mehrere fette Kühe und Hammel nach ihrer alten Sitte; das Schlachttier wird niedergeworfen und ihm mit dem Knie die Kehle zugedrückt, bis es erstickt ist. Das Blut muß im Fleisch bleiben!

        In letzter Zeit wurden die Totenochsen wohl meistens erschossen. Früher wurden sie mit Assageien getötet. Auf der Werft des Verstorbenen wurden die Ochsen zusammengetrieben. Der ganze Stamm, mit Assageien bewaffnet, bildete einen Kreis um sie und schaurig ertönten die einförmigen Klagegesänge. Selbst die wildesten Ochsen standen wie hypnotisiert. Auf ein gegebenes Zeichen wurden die Assageien geschleudert, bis der letzte Ochse gefallen war.

        Noch heute findet man einsam im Felde die mit Hörnern versehenen Grabdenkmal bäume . Die Werft, auf der ein Erwachsener gestorben ist. wird nach Darbringung des Totenopfers aus Furcht vor dem Geiste des Verstorbenen verlassen. Aber sein Nachfolger besucht häufig noch das Grab, holt sich bei dem Verstorbenen Rat und gibt Rechenschaft wie er mit dem übernommenen Vieh gewirtschaftet hat. Keine wichtige Sache wird er unternehmen ohne sich erst mit dem Geiste seines Vorfahren zu beraten, wobei er sich wohl die Antworten auf seine Fragen nach seinem Gutdünken selbst erteilt. Man kann sich denken, in welche Aufregung bei dieser Verehrung der Toten die Eingeborenen gerieten als von einzelnen Deutschen Gräber geöffnet wurden um Hereroschädel zu erbeuten. Auch einer meiner Nachbarn hatte später, als ich im Hererogebiet wohnte, auf diese Weise einen Schädel erworben und beging nachher bei seiner Durchreise über meine Farm die Torheit, meinem Dolmetscher den Schädel zu zeigen und ihm zu erzählen, aus welchem Grabe er ihn entnommen habe. Kaltblütig sagte August: "das ist meines Vaters Bruder", warf, aber dem Herrn E. einen Blick nach, der nichts Gutes versprach. Zu seinem Glück hatte der Herr das Land bei Ausbruch des Herero-Aufstandes schon verlassen. Sein Tod hier würde wohl ziemlich qualvoll gewesen sein.

        Auch vom alten Maharero wurde erzählt, daß er vor allen wichtigen Handlungen mit dem Geist seines Vaters Beratung pflegte, und dabei soll der Geist manchmal so böse geworden sein daß er sogar mit Steinen warf. Wenn auch andere ungläubige Menschen der Ansicht wären, die Ursache des Werfens möchte wohl der Geist eines Lebenden gewesen sein, so glaubte Maharero jedenfalls an seinen Vater.

        Als ich bei meinen späteren Handelszügen auf einer größeren Werft einmal einen Sack Reis verkaufte, fiel mir auf, daß dieser Sack weit fortgetragen wurde, nach einen abseits liegendem Pontok. Ich fragte nach der Ursache, und geheimnisvoll lächelnd teilte mir Kamuanda, der Grootmann der Werft, mit, er ließe den Sack fortbringen, damit am Werftfeuer der Geist seines Vaters ihn nicht sehen sollte, der würde ihn sonst für einen Verschwender halten.

        Ganz anders auf einer andern Werft. Hier wurden sechs Sack Reis gekauft und stolz sagte mir Kanatjirevi, der Grootman, am Abend, wenn ich fort wäre, würde er die sechs Säcke Reis rund um das Feuer stellen, und seinem verstorbenen Vater berichten: so gut habe ich mit Deinem Gut gewirtschaftet, daß wir uns jetzt sechs  Säcke Reis mit einem Mal kaufen können.

        Eigentlich hätte nun Nikodemus Oberkapitän werden müssen. Aber es machten sich verschiedene Einflüsse gegen ihn geltend. Da die deutsche Regierung damals mit den Verhältnissen des Landes und den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen ziemlich unbekannt war, bezog sie ihre Informationen zum größten Teil von den schon lange im Lande tätigen Missionaren. Diesen war vor allem daran gelegen, den christlichen Einfluß zu vergrößern und bei der vorhandenen schönen Gelegenheit eine gewaltige Bresche in das Heidentum zu legen.

        Nikodemus war früher Christ gewesen, aber wieder abgefallen, vielleicht nicht allein, um sich mehrerer Frauen erfreuen zu können, sondern auch aus politischen Gründen, weil der Oberhäuptling nicht nur politisches Oberhaupt, sondern auch Oberpriester und Wächter des heiligen Feuers ist, auch als Erbe seines Vorgängers dessen Frauen er übernehmen muß. Die Stellung eines Kapitäns war nach der früheren Sitte also mit dem Christentum unvereinbar und bei der Ernennung eines christlichen Kapitäns mußte mit allen früheren Hererogebräuchen gebrochen werden. Dies war auch der Grund gewesen, weshalb Manasse Tjiseseta von Omaruru wieder ins Heidentum zurückfiel, als er Thronerbe wurde.

        Die Mission konnte nun einen wuchtigen Schlag gegen das Heidentum ausführen, als sie in Gemeinschaft mit der Regierung die Ernennung des verlumpten Schwächlings, aber Christen, Samuel Maharero gegen den energischen Heiden Nikodemus durchsetzte. Dieser zog sich grollend nach dem Osten zurück und seine Familie, namentlich sein Stiefvater, der alte Riarua, der Anführer in allen Kriegen, (mit seinem Hottentottennamen hieß er Amadamab) behielten den größten Einfluß bei den Heiden, während Samuel sich eigentlich nur auf die Okahandjaer Christen verlassen konnte. Bist du deutsch, so bin ich englisch, erklärte Nikodemus gegen Samuel.

        Der alte Kavizeri wurde Wächter des heilgen Feuers, die Frauen des alten Maharero wurden unter dessen Verwandte verteilt und Damaraland stand jetzt offiziell unter dem christlichen Kapitän Samuel Maharero, welcher vollständig von der Gnade der deutschen Regierung abhing, während die heidnischen Hereros, deren Gefühle durch den Bruch mit ihren alten Gebräuchen und Gesetzen aufs tiefste verletzt waren, sich grollend im Hintergrunde hielten.

        Auch eine persönliche Privatfeindschaft zwischen Nikodemus und Samuel kam noch dazu, um den Gegensatz zu verschärfen. Wo ist die Frau? oder hier muß man eigentlich sagen die Frauen, denn Nikodemus hatte viele Frauen und Samuel hatte eines Tages in Nikodemus' Abwesenheit einen Besuch auf dessen Werft gemacht, in einer Weise, mit der sich Nikodemus' Ehemannsgefühle nicht einverstanden erklären wollten. Sonst nehmen es die Hereros mit der ehelichen Treue nicht sehr genau und die Frauen sind nur dazu da um die Kühe zu melken und die sonstigen Arbeiten auf der Werft zu besorgen; deshalb hat auch ein Herero um so mehr Frauen nötig, je reicher er ist. Sonst sind die Frauen sehr frei und werden als gemeinschaftliches Eigentum des ganzen Stammes betrachtet. Nikodemus als hochstehende Persönlichkeit und von europäischer Bildung angehauchter Mann hatte etwas abweichende Ansichten und fühlte sich durch Samuel schwer beleidigt.

        Okahandja liegt an einem Nebenfluß des Swakop, der sich bei Osona, eine Reitstunde entfernt, mit diesem vereinigt. Schon in der ersten Zeit, als die Mission in das Land kam, wurde hier eine Station gegründet und auch die Missionshandelsgesellschaft legte hier einen Store an. Nachdem die Handelsgesellschaft das Land verlassen hatte, standen die Storegebäude lange Zeit unbenutzt. Jetzt bewohnte Schmerenbeck, so oft er nach Okahandja kam, sie, bis er die mitgebrachten Waren ausgehandelt hatte, worauf dann die angekauften Ochsen entweder durch die Kalahari nach Transvaal, oder nach dem Süden in die Kapkolonie exportiert wurden. Später erwarb die Gebäude die Firma Wecke & Voigts. Die Mission hatte ihr Augustineum hierher verlegt, eine Anstalt in der eingeborene Schulmeister ausgebildet wurden.

        Der Fluß bildet hier ein breites Tal, in welchem das Grundwasser nicht sehr tief unter der Erdoberfläche lag. In diesem Tal mit vorzüglichem Gartenboden lagen die Gärten der Missionare und auch die Hereros bauten Mais, Kürbisse, Tabak und Kaffernkorn. Mitten auf dem Platz stand eine Kirche, neben derselben das Wohnhaus von Samuel Maharero. Am östlichen Ende des Ortes hatte der alte Maharero in einem großen Hause regiert. Über den Platz verstreut standen die kleinere einstöckigen,mit Stroh gedeckten Häuser der Herero-Großleute und an den äußersten Flügeln die noch nach alter Manier aus Flechtwerk; konstruierten und mit Kuhdung verputzten Pontoks. Am westlichen Ende befand sich in einem mit Feigenkaktus eingehegter Garten das Haus eines alten Irländers, Jrons, allgemein "Carpenter" genannt, weil er ein alter Schiffszimmermann war. Er war ein Meister in allerlei Holz- und Eisenwerken, flickte die Wagen der Hereros, stritt sich täglich mit ihnen über die Bezahlung für seine Arbeit, schimpfte sie Diebe und Betrüger und lebte trotzdem in bester Freundschaft mit ihnen.

        Als ich in Okahandja ankam, war Samuel, auf dem Platz und wir machten Bekanntschaft. Mein Leibdiener, ein Bastard, der mit mir war, sprach zwar gut Herero, war in Okahandja geboren und groß geworden - aber zum Dolmetscher im Felde genügt es nicht allein die Worte zu übersetzen; zu der Person des Dolmetschers selbst müssen die Leute Vertrauen haben; er muß von einer angesehenen Familie stammen, damit er den Feldhereros gegenüber eine gewisse Autorität besitzt. Ich ließ mir von Samuel einen passenden Mann zuweisen, Saul Szaman hieß er. Er war zwar nicht der holländlichen Sprache mächtig, sondern verstand nur Herero und Hottentott (Nama). Ich sprach daher zu meinem Puhlmann holländisch, der übersetzte es in Hottentot zu Saul Szaman und dieser ins Herero zu den Kunden. Daß Puhlmann selbst Herero sprach und mir im stillen insgeheim berichtete, was die Leute untereinander sprachen und welche Gerüchte im Lande umliefen, brauchten die Leute nicht zu wissen. Auf demselben Wege kam dann die Antwort zurück. Dieser Verständigungsapparat funktionierte sehr gut. Wenn ich oder die Kundschaft mal grob wurde, wurde es einfach nicht übersetzt, und in unseren Ohren träufelte nur Liebe und Freundschaft. 5 Jahre lang haben mich diese selben Leute auf meinen Handelsreisen begleitet, ohne daß irgend ein bedeutender Streit mit den Hereros vorgekommen wäre. Kein Wunder, daß ich nachher in sehr großem Ansehen stand.

        In Okahandja verkaufte ich meine Pferde, Gewehre und Munition und auch noch einen Posten Kleider. Ich wurde gut mit den Hereros fertig obgleich gerade die Okahandjaer in keinem guten Renommee standen. Die neue Dolmetschermaschinerie bewährte sich ausgezeichnet.

        Samuel gab mir dann die Route an welche ich reisen sollte, wo lange keine Händler gewesen und die Leute daher um Waren verlegen und kauflustig waren. Er schickte Boten voraus, die den Leuten sagen sollten, mit mir wäre gut handeln, meine Waren wären gut und billig, ich zahlte gute Preise für Ochsen und sie sollten daher bei mir kaufen, was sie nötig hätten.

        Die Hereros zerfallen in 14 Hauptfamilien, abstammend von den vierzehn Stammüttern. Die Kinder gehören stets zum Stamm der Mutter. Samuel gehörte zum Stamm der Konjatas und auf dem Wege den er mich schickte, wohnte hauptsächlich Leute dieses Stammes. Ich konnte daher in Folge von Samuels Empfehlung und Freundschaft auf eine guteAufname rechnen und- hatte mich nicht getäuscht.

        Ich ging zunächst über Okombahe, Kombepera, Otjideidei und umkreiste dann in einem großen Bogen die Omatakoberge. Überall handelte ich gut und ohne Streit. War ich auf einer Werft fertig, so waren schon Boten und Führer von anderen Werften da, die mich holen wollten, und der Dolmetscher entschied, wohin wir uns zu wenden hätten. Ich ging auf meinen Handelszügen, auf diesen sowohl wie später, in der Regel im August von zu Hause fort und richtete mich so ein, daß ich kurz vor Weihnachten, vor Beginn der eigentlichen Regenzeit wieder zu Hause war. Von den Omatakos richtete ich meinen Zug nach Norden, ließ Waterberg links liegen und nahm meinen Kurs mehr in der Richtung nach Omburo zu. Hier kamen wir in die Heuschrecken; es war wirklich Schrecken ohne Heu. Das ganze Feld war kahl gefressen und wenn meine eingehandelten und die Zugochsen nicht vollständig abmagern sollten, mußte ich umdrehen.

        Sechzehn Jahre hatten die Heuschrecken das Land verschont, da kam von Osten Schwarm auf Schwarm. Eine Art von Raubvögeln, die ständigen Begleiter der Heuschreckenschwärme, meldeten zuerst deren Annäherung an. Dann erscheint am Horizont eine dunkle Wolke, näher und näher kommt sie heran, und rauschend wie ein Strom zieht der Schwarm über uns hinweg. Bald ist das ganze Feld bedeckt mit den fressenden Insekten, welche sich herabgelassen haben, einige Zeit ruhen und sich dann dem Zuge wieder anschließen. So geht es oft stunden lang ohne Unterbrechung. Mittags senkt sich der ganze Schwarm. Wehe dem Besitzer, wenn es gerade ein Garten ist, dessen frisches Grün die gefräßigen Unholde angelockt hat. Nachmittags geht es weiter, bis sich etwas vor Sonnenuntergang der ganze Schwarm zur wohlverdienten Nachtruhe niederläßt. Hier sitzen sie eng zusammen, jeder Busch ist mit den Tieren, wie mit braunen verdorrten Blättern dicht bedeckt und wenn am nächsten Morgen, nach dem die Wärme der Sonne die Lebensgeister wieder rege gemacht hat, der Schwarm sich wieder in Bewegung setzt, ist auch kein Blatt und kein Grashalm mehr zu sehen.

        Noch viel gefährlicher als die erwachsenen fliegenden Heuschrecken sind die zu Fuß marschierenden ungeflügelten Larven. Wo die Heuschrecken ihre Eier auf einer sandigen Stelle abgelegt haben, erscheinen im Beginn der nächsten Regenzeit zu Millionen und Abermillionen die Jungen, welche nach kurzer Zeit von einem gemeinschaftlichen Instinkt beseelt sich in einer Richtung in Bewegung setzen. Unaufhaltsam geht es vorwärts, kein Hindernis achtend, Flüsse werden durchschwömmen, Mauern überklettert. Selbst Feuer hindert sie nicht, sie springen hinein und verbrennen, neue folgen, immer wieder neue, bis das Feuer durch Heuschreckenleichen erstickt ist und der Strom sich über die Stelle hinwegwälzt, nebeneinander, übereinander, kletternd, hüpfend, aber ohne Unterbrechung in gerader Richtung vorwärts. Für die Eingeborenen, namentlich für diejenigen, welche keine Viehheerden haben, bedeutet die Ankunft der Heuschrecken ein Fest, für sie sind sie Nahrung und Leckerbissen. In großen Posten werden sie gesammelt, geröstet, und für späteren Gebrauch monatelang aufbewahrt. Es gibt fast kein Tier, welches die Heuschrecken nicht mit besonderer Vorliebe fräße. Selbst einen Leoparden sah ich eines Tages, der mitten im Wege lag, sich mit der Vordertatze die Heuschrecken zusammenscharrte und sie aufleckte. Aber
Obgleich durch sie ernähret sind
All sündhaft, Vieh und Menschenkind
ist die Vermehrung so stark, daß keine Abnahme zu verspüren ist.

        Hier in der Gegend, wohin mich meine Reise jetzt brachte; war die Weide vollständig vernichtet. Da auch meine Handelsgüter fast gänzlich verkauft waren und die Regenzeit herannahte, entschloß ich mich, nach Rehoboth zurückzukehren.

        "Meine Leute sind Diebe", hatte Nikodemus mir gesagt. Und wahr ist es. Solange ein Händler handelnd Vorwärts zieht, wird ihm selten etwas gestohlen werden, zieht er aber mit dem eingehandelten Vieh nach Hause, heißt es aufpassen. Die Herde ist groß geworden, die Wasserstellen sind weit voneinander entfernt, das Wasser ist knapp und jeder Herero weiß, daß sich der Händler jetzt nicht auf halten kann, um verlorenes Vieh zu suchen. Wer hier nicht zuverlässige Leute hat und fortwährend selbst auf dem Posten ist, beim Tränken zugegen ist und aufpaßt, daß die Herero nicht nach beliebter Manier ihre Herden zwischen sein Vieh jagen, um bei dem entstehenden Durcheinander Beute machen zu können, wer nicht darauf acht gibt, daß des Abends, wo ein Kraal gemacht werden muß, zur rechten Zeit und an einer Stelle mit genügend Büschen ausgespannt wird, wird immer Schaden leiden. Ich hatte stets das Prinzip, meine Leute gut zu bezahlen, zu verpflegen, und sie gut zu behandeln; dafür hatte ich den Vorteil, stets unter dem reichlichen Angebot die besten Leute aussuchen zu können. Außerdem richtete ich mich so ein, daß ich auch auf dem Nachhausewege immer noch zwei Pferde hatte, um sofort die Spur von verschwundenem Vieh verfolgen zu können. Auch war mein Personal stets von den Angehörigen verschiedener Stämme, hier Bastards und Hereros, zusammengesetzt, sodaß mich auch ein Streik des einen Teils nicht vollständig matt setzen konnte. Dies Prinzip hat sich gut bewährt. Ich habe verhältnismäßig wenig Schaden auf meinen Zügen gelitten, und was ich verloren habe, rechnet eben als unvermeidliche Handelskosten, die bei der Kalkulation der Verkaufspreise schon von vornerein mit berücksichtigt waren, und die ja die Kunden mitbezahlen müssen.

        Als ich, zufrieden mit meinem Zuge und gleichzeitig zufrieden damit, daß ich mich nun einige Monate zu Hause ausruhen und mich erholen konnte, auf Rehoboth wieder aukam, sah ich, daß sich gerade bei Herrn Missionar Heidmann eine Pferdekarre zur Abreise bereit machte und sich mehrere Offiziere da herumbewegten. Ich erfuhr nun daß sich während  meiner Abwesenheit  hier Folgendes zur getragen hatte:

        Es waren in Berlin verschiedene Beschwerden über die Verwaltungsmethode des Herrn v. Francois eingelaufen, sodaß das Auswärtige Amt die Sache näher untersuchen zu müssen glaubte. Es wurde daher der älteste Bruder, damals Major von Francois gesandt. Die Herren hatten von Windhuk aus die Reise zu Hendrik Witboi in Begleitung des Herrn Leutnant von Bülow gemacht und kehrten nun auf dem Wege über Rehoboth nach Windhuk zurück. Kurze Zeit vorner war Herr S. von einer Reise mit einem Ochsentransport über Kapstadt nach Hause zurückgekehrt. In der Kapkolonie waren ihm die schönen, komfortablen Kasernen der englischen Soldaten in die Augen gefallen und als er nun auf seiner Rückreise Tsaobis wieder sah, konnte er sich den auffallenden Unterschied nicht verhelen und er schrieb in einem Privatbrief an einen Freund, daß mit den Kasernen der englischen Soldaten verglichen, Tsaobis eher einer Räuberhöhle als dem Aufenthaltsort deutscher Soldaten gliche. Dieser Brief wurde ohne seines Wissens veröffentlicht und Leutnant v. F. strengte eine lnjurienklage an, mit der Begründung: wenn S. schreibt, Tsaobis gliche mehr einem Räubernest als einem Aufenthaltsort deutscher Soldaten, so sei damit gesagt, daß die Offiziere der deutschen Schutztruppe mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nicht genügend für die Unterkunft ihrer Mannschaften gesorgt hätten. Dieser Prozeß schwebte. Als nun die Herren nach Rehoboth kamen, erschien kurze Zeit nach ihrer Ankunft Herr Leutnant v. B. bei S. und überbrachte eine Forderung des Leutnants v. F. S. gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, da er derselben Sache halber doch bereits beim Gericht wegen Injurien verklagt sei. Nach mannigfachen Verhandlungen wurde die Sache denn gütig beigelegt und auch die Injurienklage zurückgezogen.

        Nach einiger Zeit kam wieder einmal die Truppe nach Rehoboth. Es hieß, sie solle Herrn Dr. Goering begleiten, der inzwischen wieder von Deutschland eingetroffen war und jetzt eine Reise durch das südliche Schutzgebiet machen wollte, um mit den im Süden wohnenden Hottentotten-Kapitänen Schutzverträge abzuschließen. Da aber Dr. Goering über seine Zeit blieb, marschierten die Herren v. Francis mit der Truppe wieder ab und machten von Kranzneus einen Bogen zur Erforschung des Geländes durch Damaraland nach Okahandja. Mit dem Dualismus zwischen Militär- und Zivilbehörden geht es eben nicht; keine will sich der andern unterstellen und das Land kommt dabei nicht vorwärts. Einige Tage später kam Dr. Goering an, wütend darüber, daß ihn die Truppe; wie man in Berlin sagt, "versetzt" hatte, und war nun genötigt ohne das nötige Dekorum seine Reise solo fortzusetzen. Nun, die Schützverträge, schloß er doch ab, ging über die Kapkolonie nach Hause und legte sein Amt als erster Reichskommisar des Deutsch-Südwestafrikanischen Schutzgebietes nieder. Sein Nachfolger wurde Herr Hauptmann von Francois, zuerst als stellvertretender, später als wirklicher "Landeshauptmann". Die Änderung des Titels soll wohl andeuten, daß Deutschland jetzt wirklich Herr im Lande seien wollte.

        Die Bastards hatten zunächst an die deutsche Regierung das Recht der Minenausbeutung abgetreten, "dann dasselbe Recht an Herrn von Lilienthal als Monopol verliehen. Jetzt tauchte ein dritter Konkurrent auf. Auch Hendrik betrachtete sich als Alleinherrn in seinem Gebiet und da die Grenzen niemals genau festgestanden hatten, beanspruchte er ein großen Teil desselben Gebietes, welches die Bastards auch als das ihrige ansahen, namentlich Hornkranz, den Platz, den er bewohnte. Hendrik, der keinen Vertrag mit der deutschen Regierung gemacht hatte, und auch nicht machen wollte, hatte nun die Minenrechte in seinem Gebiet einem englischen Konsortium, an dem auch Cecil Rhodes interessiert sein sollte, verliehen, und dieses hatte einen bergmännischen Sachverständigen in Person eines Mr. Davis gesandt, der die Sache genauer untersuchen und die Fundstellen von Mineralien in dem Gebiet einer wissenschaftlichen Prüfung unterziehen sollte. Er wurde von Robert Ducan jun. als Führer und Dolmetscher begleitet und wieder traten sich hier einmal deutsche und englische Interessen einander entgegen. Die von Lilienthalsche Vertretung war natürlich ungeheuer erbittert gegen diesen englischen Eingriff in ihr Monopol. Duncan hielt sich beim Rehobother Bastardschulmeister Matthaeus Gertze auf und als dieser ihm auf englisches Pfundstück kleines Geld herauszugeben hatte, gab er als Landesgeld natürlich deutsches. Duncan weigerte sich, es anzunehmen, für ihn existierte Deutschland überhaupt nicht, er legte das Markstück auf seinen Fuß und schleuderte es erwartungsvoll fort. Durch derartige kindische Demonstrationen konnte natürlich das Einvernehmen zwischen Deutschen und Engländern nicht gefördert werden. Davis kam kurze Zeit darauf nach Rehoboth und wollte etwas einkaufen, hatte aber nur englisches Papiergeld, welches ihm nun wieder nicht abgenommen werden sollte. Er kam infolgedessen zu mir und ich nahm das Geld um das gute Einvernehmen zwischen England und Deutschfand wiederherzustellen. ..Ein echter deutscher Mann mag Keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern. Ich kann nach meiner Ansicht ein guter deutscher Patriot sein, auch wenn ich englisches Geld annehme. Die hinterlistigen Zetteleien mit denen uns die englische Politik unser Schutzgebiet verleiden wollte, wurden ja von jedem hier mit Entrüstung bemerkt und während der ganzen 24. Jahre, die ich hier bin, haben die kapkolonialen Intrigen gegen die deutsche Herrschaft in Südwestafrika niemals aufgehört. Duncan war es wohl in der Hauptsache daran gelegen, bei den Bastards dieselben Gefühle zu erwecken. die er selbst hegte.

        Lange blieben die englischen Herren indessen nicht in der Gegend, sie waren nach kurzer Zeit wieder abgereist. Ob sie die Fundstellen nicht als lohnend befunden hätten, oder an dem Recht Hendriks Konzessionen zu vergeben, zweifelten, ist nicht bekannt geworden.


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