Kapitel 19


Neunzehntes Kapitel

Pocken. - Die letzten Kämpfe zwischen Hottentotten und Herero 1891

        Ich hatte wieder einmal in Walfischbai zu tun und war mit 2 Wagen auf dem Kuisibwege abgefahren. Von Kanab aus war ich zu Pferde den Wagen vorausgeeilt, um bis zu deren Ankunft meine Geschäfte dort zu erledigen, damit die Wagen ohne Aufenthalt wieder umdrehen und die Ochsen so schnell wie möglich wieder ins Gras kommen konnten. Es war ein schwerer Ritt, 2 Tage über die heiße Namib; am schwersten fühlte ich es, als mir zuletzt der Tabak ausgegangen war. Mit einer Satteltasche voll Bülltong (Luft getrocknetes Fleisch) und einem gefüllten Wassersack legt ein Afrikaner die größten Strecken zurück, aber dazu, um sich wohl und behaglich zu fühlen, gehört unbedingt noch Tabak und Kaffee. Hunger und Durst läßt sich ertragen, aber ein Raucher ohne Tabak ist ein unglückliches Wesen. Eingeborene mischen in der Not sogar zerbröckeltes Gras mit in dem in der Pfeife sitzenden Seiber und rauchen das mit viel Genuß, und mancher weiße Händler hat schon ausgekochten Teeblätter und andere ähnliche Sachen in der Not geraucht. Schließlich kam ich doch, auch ohne Dampf, in Walfischbai an und konnte nun meine Pfeife wieder in Betrieb setzen.

Auch Herr Nels war in Walfischbai und wollte mit dem in diesen Woche erwarteten Woermann-Dampfer nach Hause fahren. Wir hatten einen großen Schritt in der Kultur vorwärts getan. Zuerst waren es kleine englische Segler gewesen, die unsern Verkehr über Kapstadt mit der Außenwelt vermittelten, dann kam an ihre Stelle der Nautilus ein kleiner, etwa 400 tons großer Kap'scher Dampfer, der regelmäßig monatlich fuhr. Jetzt hatten wir hin und wieder schon direkte Verbindung mit Deutschland durch Woermarnn'sche Dampfer. Der Vorteil war, daß wir anfangen konnten, unsere Waren direkt von der Heimat zu beziehen, was früher bei der umständlichen und dadurch teuren Verbindung via Kapstadt kaum möglich war und wir gezwungen waren, unsern Haupt- bedarf in Kapstadt mit englischen Waren zu decken.

        Herr Nels hatte seine 3 Löwen mitgebracht, die er nach Deutschland mitnehmen wollte. Diese Tiere waren ganz jung im Norden des Schutzgebietes, gefangen und von Herrn Nels erworben. Wie bereits vorher erwähnt, waren zu damaliger Zeit Rinder und namentlich alte Kühe, die kein Händler mehr kaufen wollte, und die zum Schlachten zu mager waren, noch sehr billig zu haben, und die Ernährung jener 3 Bestien hielt sich daher in bezahlbaren Schranken.Bei heutigen Preisen würde die Menagerie etwas teuer werden. Es war allmählich schon allgemeiner Gebrauch bei den Eingeborenen geworden: alte Kühe, die nicht mehr anders verwertbar waren, zum Reichskommissariat zu bringen, wo Herr Nels sie als Löwenfutter kaufte. Die Tiere waren schließlich so groß geworden wie Bernhardinerhunde. Ich ging mit Christoph Haelbich, dem ältesten Sohn des alten Otjimbingwer Haelbich in Walfischbai am Strande spazieren und er führte mich zum Schluß nach einem etwas abgelegenen Gehöft, wo, wie er sagte, einige Bekannte von ihm logierten. Plötzlich, als wir um die Ecke bogen, befanden wir uns inmitten der 3 Löwen,die hier auf dem eingefriedeten Hofe frei umherliefen. Für Christoph waren es ja alte Bekannte von Otjimbingue her, ich, der ich natürlich zweibeinige Bekanntschaften erwartet hatte, verspürte bei dieser plötzlichen Vorstellung doch etwas Herzbeklemmung, die sich erst verlor, als die Bestien sich ganz gebildet und freundschaftlich benahmen. Der männliche Löwe kam heran und scheuerte sich ganz vertraulich an meinen Beinen und auch die beiden weiblichen schienen durchaus keine feindseligen Gefühle gegen die Menschen im allgemeinen und mich im speziellen zu hegen. Behaglich war mir die ganze Situation aber doch nicht und ich würde mich seitwärts in die Büsche geschlagen haben, wenn in Walfischbai überhaupt Büsche wären; so drückte ich mich auf gewöhnliche Weise so bald wie möglich davon. Diese ganz gezähmten und an den Umgang mit Menschen gewöhnten Löwen machten täglich in Freiheit ihren Spaziergang am Strande entlang. Voran ging ein Eingeborener mit einem großen, auf einen Stock gesteckten Stück Fleisch über der Schulter, dann folgten die Löwen und ein zweiter Eingeborener mit einer mächtigen Peitsche bildete die Nachhut. Als wir einmal zu Pferde von Sandfontein kamen, wo wir unsere Pferde getränkt hatten, befanden sich die Löwen hinter dem Store von Mertens & Sichel. Kaum war ich um die Ecke und mein Pferd war die Löwen gewahr geworden, als es auch sofort umdrehte und im schärfsten Tempo in gerader Linie direkt in die See lief. Hier war nun guter Rat teuer; zurück wollte das Pferd nicht, ins Wasser wollte ich nicht, und nach langem Halten, nachdem wir beide uns die Sache reiflich überlegt hatten, ließ sich "Preis" bewegen, im Wasser entlang zu waten, an einer entfernten Stelle wieder aufs Trockene zu steigen und sich dann schleunigst eine Strecke weit von dem gefährlichen Platze fort in Sicherheit zu bringen.

        Nach einigen Tagen kam das erwartete Schiff an und brachte die Herren v. Üchtritz, v. Doery, und Graf Schweinitz von denen der erste, im Auftrage der neu gegründeten Siedlungs-Gesellschaft, sich über die Verhältnisse der von der Gesellschaft zu erwerbenden Ländereien informiren sollte; die andern beiden Herren beabsichtigten eine Jagdpartie durch's Land. Auch Herr Leutnant von Bülow war in Walfischbai. Wir verlebten einen vergnügten Abend in einem größeren Kreise deutscher Landsleute und da einige der Herren musikalisch waren, borgten wir uns vom Missionar Böhm dessen Geige und die verschiedensten Melodien, alte Lieder sowie die neu importierten modernsten Gassenhaur abwechselnd mit Tänzen erschallten über die sonst so stille Walfischbai. Herr Missionar Böhm meinte zwar, als ich ihm am nächsten Morgen seine Geige zurückbrachte, wenn er gewußt hätte, daß sie zu so profanen Zwecken dienen sollte, hätte er sie nicht hergeliehen. Nun, hatte er denn gedacht, daß wir Kirchenlieder singen würden?

        Das Schiff hatte gelöscht und war zur Abfahrt bereit. Der Kapitän gab an Bord ein Diner,zu dem sämtliche Weißen eingeladen waren. - Herr Nels blieb mit seinen Löwen an Bord, es wurde Abschied genommen. Wir Gäste fuhren an Land zurück, die Schraube des Schiffes fing an zu arbeiten und langsam setzte sich der Dampfer in Bewegung, um uns einen Beamten zu entführen, der sich die Liebe und Hochachtung der ganzen Bevölkerung erworben hatte. Schade, daß seine Aufgabe unter den damaligen Verhältnissen eine so undankbare gewesen war.

        Meine Geschäfte in Walfischbai waren erledigt und auch ich wandte mich wieder nach Hause. Ich nahm diesmal die Tour über Tinkas, Onanis Tsaubis, Otjimbingwe. Auf Tinkas holten- mich die Herren' v. Uechtritz, v. Doery und v. Schweinitz ein, welche den Wagen, den Herrn Nels nach Walfischbai gebrocht hatte, auf dem Rückwege bis Otjimbingwe benutzten.

        Mit mir zusammen waren noch verschiedene Bastardwagen gefahren. Da ich gute Pferde hatte, auch die Bastards gute Pferde mitführten, und die Gegend von Tinkas wegen ihrer guten Jagd berühmt ist, ritten, wir aus, um einige Springböcke zu schießen. Wir trafen auf eine Herde von mindestens 800 Stück, die auf einer weiten Fläche weidete, gleich einer großen Herde Schafe. Die Jagd begann. Wir ritten die Springböcke gegen den Wind an, die, sobald sie uns gewahr wurden, nach ihrer Manier immer gegen den Wind davon liefen, dadurch in schräger Richtung an uns vorbeikommend. Die Bastards sprangen von den Pferden und schossen auf das vorbeilaufende Wild. Ich wollte es auch tun, aber mein Pferd wollte nicht. Sobald die Springböcke in größere Nähe-kamen, drehte es um und lief davon. Ich wollte es mit Gewalt halten, aber die Kinnkette der Kandare brach und nun ging es ohne Aufenthalt geradeaus ins Feld. Erst nach langer Zeit brachte ich das Tier zum Stehen. Ich befand mich in wildfremder Gegend und erst nach stundenlangem Suchen fand ich mich zu den Wagen zurück, wo die Bastards schon längst mit vier erlegten Springböcken eingetroffen waren und eben wieder abreiten wollten, um zu sehen, wo ich denn eigentlich geblieben wäre. Wie ich später erfuhr, hat das sonst ausgezeichnete Pferd die Untugend, vor dem Wild fortzulaufen, auch früher in der Kapkolonie schon gehabt und war deshalb von seinem Besitzer verkauft worden. Es war also nicht der Walfischbai'er Löwenschrecken, über den sich sein Gemüt noch nicht beruhigt hatte, wie ich erst annahm. Das Pferd war ein Schecken, im Lande ebenso bekannt wie sein Reiter und diente mir, da es auf sehr weite Entfernung zu erkennen war, bei meinen Reisen mitten durch die kriegführenden Parteien als Passepartout. Jeder Eingeborene, der uns von weitem sah, wußte, das ist Conradt, auf den wird nicht geschossen.

        Von den erbeuteten Springböcken hatten wir, da ein ausgewachsener, fetter Springbock 75-90 Pfd. wiegt, reichlich Fleisch bis nach Hause. Von dem Fleisch wurde, damit es sich länger halten sollte, Bulltong gemacht, d. h. es wurde in Streifen geschnitten und an der Luft im Schatten getrocknet. Von Otjimbingwe aus, wo ich meinen alten Freund Dannert besuchte, ritt ich zu Pferde den Wagen voraus. Auf Otjihavera traf ich Hermanus Meyer, der dort mit den Hereros handelte, und auch Samuel Maharero mit seinen Großleuten war dort.

        Hermanus Meyer, ein Kapnar, war mit Ludwig zusammen mit einem Pferdetransport aus der Kapkolonie gekommen. Da sie während der Sterbezeit mit ihren Pferden auf Rehoboth stehen mußten, hatten beide in der Zwischenzeit angefangen zu handeln. Die Pferdesterbe war gerade in diesem Jahre sehr stark aufgetreten, Ludwig hatte seine hundert Pferde sämtlich verloren; nur von seinen zwanzig Mauleseln waren zwölf Stück übrig geblieben. Auch Hermanus Meyer hatte ziemlich alles verloren und auch mich hatte es hart getroffen. Ich verlor in diesem Jahre siebenundvierzig Pferde, im darauf folgenden, wie ich hier gleich bemerken will, einundzwanzig. Ebenso hatten die Bastards, die viel Pferdezucht betreiben, große Verluste zu beklagen, wenn auch nicht so viel wie wir, da ihre Pferde besser akklimatisiert sind, als unsere aus der Kolonie importierten, und daher nicht alle eingingen.

        Meyer handelte meistenteils nach dem Osten. Dort war er vor einiger Zeit von den Hereros vollständig ausgeraubt worden. Auf seine Bitte hatte ich in Otjimbingwe, damals beim Kanzler Nels (der Reichskommisar Dr. Goering war auf Urlaub in Deutschland) die Sache zur Anzeige gebracht und um Bestrafung des Räubers und Zurückverlangung der geraubten Sachen, oder Bezahlung dafür gebeten. Darauf große Verlegenheit: "Ja, wir können garnichts tun, unsere Macht geht nicht so weit". Schließlich fand er einen Ausweg. Er wollte sich an die Mission wenden; vielleicht gelänge es deren Einfluß, von dem geraubten Gut etwas zurück zu erlangen. Darin bestand damals der deutsche Schutz, den die Regierung mit ihrer säbelrasselnden Schutztruppe gewähren konnte; bestraft konnten deutsche Leute werden, beschützt aber gegen die Unbilden, die sie von Eingeborenen zu erleiden hatten, nicht.

        Der alte Maharero hat damals aus eigenen Stücken für Recht gesorgt. Der Haupträuber wurde gefangen, dem Delinquenten einige Riemen um den Hals gelegt, an dem an jedem Ende ein kräftiger Mann zog, bis jener seine Seele ausgehaucht hatte. Auch ein Teil des geraubten Gutes wurde noch zusammengefunden, und dem rechtmäßigen Eigentümer wieder zugestellt.

        Immer allerdings arbeitete die Hererojustiz nicht so prompt. Ein Rehobother Bastard, Jan Beukes, hatte Pferde in Damaraland verhandelt und befand sich mit den als Zahlung erhaltenen Ochsen auf dem Rückwege, in Karibib, wo damals noch an keine Niederlassung der Weißen zu denken war. Er saß mit einer Gesellschaft von Hereros im Pontok und spielte denen auf der Handharmonika zum allgemeinen Vergnügen vor, als ihm plötzlich von hinten durch einen Hieb mit einem Beil der Schädel gespalten wurde. Er war sofort tot, seine Ochsen wurden geteilt, und damit war die Sache besorgt und aufgehoben. Der alte Maharero erklärte, das hätten die „stouten Kinners" (die übermütigen jungen Leute) getan, bei denen so etwas öfter vorkäme. Wahrscheinlich gehörten die Täter zu seiner weit ausgebreiteten Verwandtschaft und er wollte sie einer solchen Kleinigkeit wegen nicht zur Rechenschaft ziehen. Die Verhandlungen mit den Bastards zogen sich jahrelang hin. Maharero hatte immer neue Ausreden. Auch die deutsche Regierung gab sich die größte Mühe, wenigstens Rückgabe der geraubten Ochsen zu erlangen. Alles half nichts; Maharero wollte nicht, und gegen seinen Willen konnte die deutsche Regierung nichts machen. Der alte Maharerq' starb, sein Sohn Samuel kam zur Regierung, alles blieb beim Alten, schließlich schlief die Sache ein und schläft heute noch.

        Hermanns Meyer hatte von mir Waren genommen und als ich ihn auf Otjihavera traf, hatte er ziemlich ausgehandelt Während wir beim Wagen saßen und uns mit den Hereros unterhielten. kam ein Bote von Windhuk und brachte für Samuel Maharero mit einem schönen Gruß des Landeshauptmanns von Francois zwei Flaschen Kognak. Zwar war es aufs Strengste verboten, Eingeborenen Getränke zu verkaufen oder zu schenken; selbstver ständlich galt dies Verbot jedoch nicht für die Reichsvertretung.

        Eine der Flaschen wurde in Gesellschaft ausgetrunken und nach Erledigung dieses Geschäftes zogen sich die Herero einer nach dem andern in den Schatten der Gebüsche zurück, um Mittagsschlaf zu halten. Nachdem alle verschwunden waren, gab Samuel mir einen Wink, mitzukommen, er habe noch etwas mit mir zu besprechen. Er führte mich durch das Gebüsch auf eine Anhöhe und wir setzten uns im Schatten eines Baumes nieder. Plötzlich verschwand er, holte unter einem Busch die zweite Flasche Kognak hervor, die er da versteckt hatte, und brachte sie mit vergnügtem Gesicht herbei. Wir nahmen jeder einen kräftigen Schluck und sofort verschwand Samuel mit der Flasche und versteckte sie aufs neue. Wir besprachen dann noch eins und das andere; er hatte verschiedene Sachen nötig, die ich ihm das nächste Mal mitbringen sollte und verschiedene Aufträge an Rehobother Bastards. Dabei wurde die Flasche noch verschiedene Mal geholt und wieder versteckt. Plötzlich tauchte hinter dem Baum der Kirchenälteste Johannes Perkat auf. der unsere Abwesenheit bemerkt hatte, und nichts Gutes ahnend, uns gefolgt war. Er ließ sich durch die Abwesenheit der Flasche nicht täuschen. Samuel mußte herausrücken. Nun aber war es Zeit, unsere Stellung aufzugeben, sonst wäre uns die ganze Bande, einer nach dem andern, so über den Hals gekommen. Die Flasche wurde sorgsam versteckt und wir stiegen zufrieden zu den andern Sterblichen wieder herab.

        Am nächsten Tage ritt ich nach Windhuk weiter. Das Land war wieder einen Schritt vorwärts gekommen. Die Regierung hatte beschlossen, sich den englischen Schikanen in Walfischbai zu entziehen und, unabhängig von fremdem Wohlwollen oder Mißwollen, von jetzt ab ihre Güter in Swakopmund landen zu lassen mit Ausnahme der ganz schweren Gegenstände, die sich in Ermangelung jeder Landungseinrichtung dort nicht löschen ließen. Auch die Windhuker Geschäftsleute hatten sich entschlossen, einen Teil ihrer Güter dort zu landeis und ich wurde gefragt, ob ich mich dem Beispiel anschließen würde. Mir war die Sache noch zu bedenklich, denn beim Landen mit Brandungsbooten konnten viele Waren naß werden, für deren ordnungsmäßige Behandlung ich, da ich weit im Innern wohnte, nicht sorgen konnte und wenn ein beladenes Boot kenterte, konnte der Schaden sehr bedeutend werden. Ich hätte mich zum Landen in Swakopmund nur entschließen können, wenn die Seeversicherung ausgedehnt wurde, bis sich die Sachen trocken an Land befanden.

        In Windhuk hatte ich einige Tage zu tun, und da inzwischen Hermanus Meyer durchkam um nach Rehoboth zu fahren, um mit mir abzurechnen, brauchte ich auf meine Wagen nicht zu warten, sondern benutzte seine Reisegelegenheit.

        Wir saßen auf der Vorkiste des Wagens und sprachen über einen Tausch unserer Wagen; meinen einen Wagen hatte ich von Hendrik: Witboi gekauft, der ihn auf Oachanas erbeutet hatte. Da die" Oachanaser Hottentotten sich noch in Damaraland aufhielten. fürchtete ich, sie könnten den Wagen dort sehen, erkennen, und mir könnten Schwierigkeiten erwachsen. Ich wollte ihn daher lieber, wenn ich auch etwas zuzahlen mußte,gegen einen anderen, unverdächtigen Wagen tauschen. Wir waren einig geworden, das Geschäft war abgeschlossen und wir wollten jetzt ein Glas Bier auf den zu beiderseitiger Zufriedenheit abgeschlossenen Handel trinken. Ich hatte in einer Hand die Flasche, mit der andern zog ich am Korkenzieher, da sprangen die Vorderräder von einer Steinstufe herab, ich konnte mich nicht festhalten, da mein beiden Hände beschäftigt waren, und fiel vorne vom Wagen herab, gerade vor die Räder. Der Wagen war schwer beladen. Die Vorderräder gingen über meine Oberschenkel. Schnell wollte ich meine Beine herausziehen, aber die Zeit war zu kurz und auch die Hinterräder gingen über meine Unterschenkel hinweg. Es dauerte eine Weile, bis Meyer den Wagen zum Halten bekam. Schließlich gelang es, und blaß vor Schrecken kam er bei mir an. Zum Trost konnte ich ihm schon entgegen rufen: "Keine Angst, es hat keine Gefahr, die Knochen sind ganz geblieben, ziehen Sie nur erst die Bierflasche auf" Zum Glück war es eine sandige Stelle, an der das Unglück passierte; das Fleisch war aber doch ganz gehörig gequetscht, ich hatte große Schmerzen und erst nachdem ich vier Wochen im Bett zugebracht hatte, konnte ich wieder aufstehen und etwas herumhumpeln.

        Auf demselben Schiff, mit dem Nels nach Hause fuhr und v. Uechtritz, v. Doery und Graf Schweinitz ankamen, brachen auf der Heimreise die Pocken aus; sie müssen von den an der Westküste an Bord genommenen Krubois mitgebracht sein. Schon in Walfischbai lagen einige dieser Leute erkrankt, aber die Krankheit war noch nicht erkannt. Das Schiff mußte daher bei seiner Ankunft in Hamburg 4-6 Wochen (ich weiß nicht mal, wie viel) in Quarantäne liegen und Herr Nels hatte das Vergnügen, während dieser Zeit seine drei Löwen zu füttern. So ganz billig dürfte ihm der Spaß nicht geworden sein, wer weiß ob der Kaufpreis, den er schließlich von Hagenbeck, der die Tiere kaufte, bekam, die Kosten für das Fleisch gedeckt hat, das sie hier und auf der Reise zu sich genommen hatten.

        Auch der Treiber und Leibdiener des Herrn Nels hatte diesen an Bord begleitet und dort eine Nacht bei den Krubois geschlafen. Einige Tage, nachdem er nach Otjimbingwe zurückgekommen war, wurde er krank, die Pocken kamen bei ihm zum Ausbruch und viele Leute, die mit ihm verkehrten und ihn gepflegt hatten, erkrankten gleichfalls. Wir hatten die Pocken im Lande!

        Es wurde getan, was möglich war, aber bevor bei der Abgelegenheit und schlechten Verbindung unserer Kolonie Impfstoff beschafft werden konnte, waren eine Menge Leute erkrankt und gestorben. Auf beiden Seiten von Windhuk wurden am Wege Quarantäne-Stationen eingerichtet und alle aus dem verpesteten Damaralande kommenden Leute hatten dort drei Wochen zu warten, bevor sie weiter ziehen durften. Es gelang auch, die Seuche von Windhuk und dem Süden fernzuhalten. Es war wohl mehr Glück dabei als sonst etwas, denn die Eingeborenen kennen soviel Scheichwege durch das Feld, daß es wohl schwer halten würde, sie auf einer Quarantänestation festzuhalten. Ich selbst traf Bastards, die eigentlich auf "Pockiesdrai" in Quarantäne liegen sollten, ganz gemütlich nahe bei Rehoboth, wohin sie ihre ermüdeten Ochsen getrieben hatten und zum Weiterfahre andere, frische holten. Es ist eben ein Unterschied, Verordnungen auf dem Papier zu erlassen und sie hier in Afrika in der Praxis durchzuführen.

        Aber auch dieser Kelch ging vorüber. Nachdem erst Lymphe gekommen war, wurde fleißig geimpft und die Weiterverbreitung der Krankheit verhindert. Über Otjimbingwe und Umgegend hinaus hatte sich die Seuche nur wenig verbreitet. Allmählig  hörte sie ganz auf, die Quarantäne-Stationen konnten wieder aufgehoben werden und es ging alles wieder in den alten Bahnen weiter. Windhuk regierte, die Eingeborenen bekriegten sich untereinander, und die Händler handelten. Farmer gab es damals noch nicht, denn noch konnte kein Europäer Grund und Boden im Lande erwerben.

        Auch Hendrik Witboi setzte sein Geschäft fort. Mit nie versagender Ausdauer verfolgte er seine ehrgeizigen Pläne. Sein größter Konkurrent im Einfluß auf die Hottentotten war jetzt Jan Afrikaner. Der Kock'sche Stamm hatte sich mit seinen Kapitänen Hendrik angeschlossen; der Kapitän Koll der Grootdoden war nach Damaraland geflüchtet und hielt sich auf Otjimbingwe auf, während seine Leute gleichfalls zu Hendrik übergegangen waren. So fühlte dieser sich jetzt stark genug, es mit seinem größten Nebenbuhler aufzunehmen, und die unvermeidliche Entscheidung herbeizuführen. Die beiden Gegner wohnten nicht weit voneinander, Hendrik war auf Hornkranz, Jan Afrikaner hielt sich in der Nähe des Gamsberges auf. In den Schluchten dieses Gebirges kam es zum Entscheidungskampf. Es wurde lange gefochten, aber der Sieg blieb unentschieden. Schließlich kamen beide Kapitäne überein, dem Blutvergießen ein Ende zu machen und die Grundlagen für eine Verständigung in einer persönlichen Besprechung zu vereinbaren. Auf der Mitte des Zwischenraums zwischen beiden Feldlagern kamen beide unbewaffnet zusammen und begrüßten einander durch Händedruck. Da legte einer von Hendriks Anhängern an, es war ein Mitglied von Jan Afrikaners eigener Familie, der früher schon zu Hendrik übergetreten war, und schoß seinen Onkel Jan nieder.

        Der Krieg war beendet, Jan Afrikaner war tot und seine Leute schlossen sich Hendrik an. Dieser hatte einen seiner Hauptzwecke erreicht; er war jetzt unbestritten der mächtigste und einflußreichste Hottentottenkapitän, das eigentliche Oberhaupt des ganzen Volkes, denn die anderen Häuptlinge richteten sich ganz danach, was er tat.

        Da er sich jetzt wieder besonders kräftig fühlte, machte er einen Raubzug gegen die Hereros nach der Gegend von Omaruru und kam von dort mit großer Beute zurück, obgleich er mehrere Leute verloren hatte, darunter auch Jacob Saal, den früheren Provisiekapitän. Er kam über Tsaobis und tränkte dort. Die Station war nur mit zwei Mann besetzt, die natürlich Hendrik nicht hindern konnten; zwar verboten sie ihm das Tränken, aber er kehrte sich nicht daran, tränkte ruhig weiter und setzte, nachdem er damit fertig war, seinen Marsch fort. Die Hereros standen zwar unter deutschem Schutz, konnte aber diese geringe Macht, welche die Deutschen zur Verfügung hatten, den versprochenen Schutz effektiv machen? Die zwei auf Tsaobis befindlichen Soldaten konnten es jedenfalls nicht tun und mußten froh sein, daß Hendrik sie in Ruhe ließ.

        Während Hendrik nach Omaruru gezogen war, hatte Nikodemus einen Raubzug nach Gibeon gemacht und alle Hottentotten, die in seine Hände fielen, ermordet. Auch die Werft des Engländer's Robertson, der mit seinem Vieh in der Gegend von Gibeon stand, hatte er überfallen. Die Menschen zwar hatten sich noch retten können, nur eine Tochter hatte einen Streifschuß abbekommen . Danach aber, zog Nikodemus mit der Viehbeute zufrieden wieder  nach Hause. Er hätte seine Hereros, nachdem sie Vieh erbeutet hatten, auch wohl schwerlich weitergebracht. Ihre Habgier zwingt sie, die gemachte Beute so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen, und diejenigen die nichts erhascht haben, laufen hinterher, um womöglich den Glücklicheren noch wieder etwas abzujagen. Nachsetzen konnten die Hottentotten nicht, da Hendrik mit den Kriegern im Felde war. Es blieb ihnen also nur übrig, auf Revanche zu sinnen.

        Hendrik ruhte nach seiner Rückkehr auch nur kurze Zeit. Bald zog er wieder aus und zwar diesmal nach Osten gegen Nikodemus, Letzterer hatte ihn erwartet und ihm eine Falle gestellt, in die er trotz seiner Schlauheit hineinlief. Die Werft lag im Hintergrunde, aber vor dieser hatte Nikodemus zwei Kuppen besetzt. Hendriks Angriffsweise bestand darin, daß er des Nachts in die Nähe der Werft ritt, die er "abschießen" wollte. Hier blieb er in Deckung liegen, bis das Vieh des morgens auf die Weide ging. Dann galoppierte er mit seinen Reitern vor, trieb das Vieh seinem im Hintergrunde liegenden Fußvolk zu, welche nun damit so schnell wie möglich nach Hause eilten, während er mit seinen Reitern den Rückzug deckte. Diesmal gelang ihm das nicht. Das Vieh kam des morgens aus der Werft. Als Hendrik nun aber vorstürmte, geriet er zwischen drei Feuer von den beiden Kopjes und der Werft. Nikedemus hatte eine bedeutende Macht versammelt, die Flügel schlossen sich im Rücken der Witbois, sie waren vollständig umzingelt. "Rette sich wer kann" war die Parole, Ein großer Teil fiel dort; ein Teil der Hereros stürzte sich auf die Fußgänger. Nur wenige von den Fußgängern kamen nach Hause. Von den Reitern konnte der größte Teil den einschließenden Ring durchbrechen und sich durch die Flucht retten.

"Nur die römische Reiterei
Rettete sich noch ins Freie
Denn sie war zu Pferde."

        Als Keister, der sonst in der Regel als Platzkommandant auf Hornkranz blieb, wenn Witboi ins Feld zog, der aber diesmal mit ausgeritten war,  auf der Flucht in Rehoboth ankam, war er ganz niedergeschlagen. Sonst pflegten die Hottentotten stets ihre Verluste zu verheimlichen. Diesmal aber war es nicht möglich. Auf die Frage, wie der Zug abgelaufen sei, antwortete Keister nur; "Ich bin herausgekommen, ich bin geritten und geritten, bis mein Pferd tot war, dann bin ich zu Fuß weiter gelaufen, ohne mich umzusehen. Ob von den andern auch noch welche herausgekommen sind weiß ich nicht".

        Hendrik hatte auf diesem Zuge ungefähr 200 Leute verloren, für ihn, der auch in seiner besten Zeit niemals mehr wie 600 Krieger gehabt hat, ein sehr schwerer Verlust.

        Nach diesem schweren Schlage den Hendrik Witboi erhalten hatte, rafften sich die Hereros, die sich in der Regel sonst nur auf die Defensive beschränkten, auf, um Hendrik nun ganz "gedaan" zu machen und von Hornkranz zu vertreiben. Ganz im Geheimen zogen sie in der Omaheke eine bedeutende Macht unter Nikodemus und seinem Halbbruder Assa Riarua zusammen. Es mochten ungefähr 800 Mann sein, die dem Ruf zu den Waffen gefolgt waren. Ich erfuhr alles dies von Hermanus Meyer, der von dort kam, und auch, daß sie zum Aufbruch bereit wären und in den nächsten Tagen bei Rehoboth vorbei kommen müßten. Von Hendriks Leuten waren viele Frauen und Kinder im Felde verstreut um Feldkost zu sammeln. Da gerade ein alter Witboi auf Rehoboth war, sagte ich diesem, was bevorstand und forderte ihn auf, die Frauen und Kinder zu warnen und in Sicherheit zu bringen, da die Hereros nichts schonen. Er zog es aber vor, nicht zu reiten; entweder glaubte er mir nicht, oder er legte auf die Frauen und Kinder wenig Wert.

        Wenige Tage später hörten wir, daß die Hereros vorbei wären gegen Hornkranz. Im Felde hatten sie schrecklich gehaust; alles, was sie von Witbois Leuten getroffen hatten, war ermordet, die Kinder an den Füßen genommen und mit den Köpfen auf die Felsen geschlagen, die Männer langsam zu Tode gequält usw.
Auf Hornkranz war gerade ein Bur, mit dem ich in Verbindung stand, mit seinem Wagen, und der erzählte mir später den ganzen Hergang der Schlacht. Unerwartet fielen vor Tagesanbruch Schüsse. Schnell waren die Hottentotten auf und in ihren Schanzen. Hendrik hatte nur wenig Leute auf dem Platz, sein großer Verlust hatte ihn bedeutend geschwächt und die Gibeoner Leute, die mit auf dem Kriegszuge gewesen waren, waren bereits wieder nach Hause geritten. Auch Piet van der W. legte sich in die Schanze und half schießen. Was konnte er machen? Mit gefangen, mit gehangen! Hätten die Herero ihn auf Hornkranz bekommen, so hätten sie ihn sicher mit abgeschlachtet, er mußte also sein Leben so gut wie möglich verteidigen. Die Schießerei dauerte immer länger. - Der arme Piet fing an Hunger und Durst zu bekommen, er rief seinen eingeborenen Jungen, ließ hinter der Schanze Feuer anmachen und Kaffee kochen. Er trank nun gemütlich Kaffee und gab dabei, wenn Gelegenheit war, von Zeit zu Zeit einen Schuß ab. - Auch die Hottentotten hatten bald den Kaffeegeruch gewittert ; einer nach dem andern kam in Deckung der Schanze herbei gekrochen, trank Kaffee und begab sich wieder in seine Stellung zurück.

        Die Herero kamen immer näher und näher, die Situation fing an bedenklich zu werden. Hinter einer Klippe lag ein Herero, der Piet stark belästigte. Dieser brauchte nur den Kopf etwas herauszustecken, so kam auch schon eine Kugel geflogen. Aber, der Herero lag in zu guter Deckung; er wollte sich keine Blöße geben. Schließlich gelang es Piet aber doch, ihm eine Kugel in die Schulter beizubringen. Der Herero sprang auf, um fortzulaufen, da erhielt er von Piet einen Schuß durch das Knie. Taumelnd fiel er von seiner Klippe herunter und bekam dabei noch einen Schuß durch die Brust, - Auch Assa Riarua bekam einen Schuß, der ihm ein Stück von der Schädeldecke fortnahm. Das Gehirn lag offen, war aber nicht verletzt und nachdem die Kopfhaut über der Wunde wieder zusammengeheilt ist, ist er vollständig gesund und einer der Hauptanstifter und Anführer des jetzigen Aufstandes.

        Bei der Übermacht der Herero wurde die Lage für die Witbois kritisch. Da wandte Hendrik sein letztes schon oft erprobtes Mittel an. Er jagte seine Werftkühe in das Feld hinaus. Dieser Lockung konnte kein Hereroherz widerstehen. Die Kapitäne mochten zurückrufen, kommandieren und drohen, so viel sie wollten; es war kein Halten mehr. Hinter jeder Kuh lief ein Trupp Herero her und fort ging es direkt der heimatlichen Werft zu. Auch die zurückbleibende Kriegsmacht, welche zu schwach geworden war, um den Platz zu stürmen, zog nun nach Hause hinter den Kühen her. So endete der erste und letzte energische Vorstoß der Hereros.

        L. wohnte zur damaligen Zeit auf Windhoek, hatte aber sein Viehposten auf Haris stehen. Als nun die Hereros auf ihrem Rückzuge über Haris kamen, hatten sich die Wächter verkrochen und konnten nachher, als sie sich getrauten wieder zum Vorschein zu kommen, ihre Kühe nicht gleich wieder finden. Sie glaubten nun als sicher annehmen zu dürfen, die Herero dieselben mitgenommen hätten, liefen nach Windhuk und berichteten demgemäß ihrem Baas. L. in Begleitung eines anderen Deutschen und eines Bastards machte sich nun auf die Verfolgung der Herero; sie faden die Spur, folgten dieser, so lange es Tag war, und marschierten auch in der Dunkelheit weiter und weiter. Endlich sahen sie in der Ferne Feuer. Vorsichtig schlichen sie heran, und als sie nahe genug gekommen waren, sahen sie rund um das Feuer herum einen Trupp Hereros liegen, - Sorgfältig nahmen sie ihr Ziel aufs Korn und eröffneten Schnellfeuer. Mehrere Hereros blieben tot liegen, einige wurden noch im Laufen erschossen und der Rest flüchtete; im Ganzen sollen hier sieben Hereros gefallen sein. L. und seine Begleiter kehrten nach Windhuk zurück. Am nächsten Tage wurden die Kühe nahe bei ihrem Posten weidend gefunden. Den Hereros war es garnicht eingefallen sie mitzunehmen. Daß ihre Freundschaft gegen die Deutschen nicht zunahm dadurch, daß diese ihre Leute ohne Weiteres im Felde erschossen, kann man sich denken. Später klagten sie in Windhuk und um die Sache zu Ende zu bringen, mußten die beiden, nach langen Verhandlungen, jeder einen Posten Kühe an die Familien der Erschossenen bezahlen.

        Als ich auf meinem nächsten Handelszuge wieder mit meinem alten Dolmetscher im Damaralande umherreiste, erzählte er mir des abends am Feuer, daß auch er den Zug von Nikodemus und Assa nach Hornkranz mitgemacht und unterwegs fleißig beim Morden geholfen habe. Einen Hottentotten hätten sie im Felde lebend gefangen; sie hätten ihm erst die Ohren abgeschnitten, dann die Nase, dann die Augen ausgestochen mit den Worten: "Du sollst keine Damaraochsen mehr sehen", dann die Zunge abgeschnitten: "Du sollst keine Damaraochsen mehr schmecken", dann erst hätten sie ihm die Kehle abgeschnitten; er allerdings als Christ hätte nicht mitgeschnitten, sondern nur einen Arm gehalten. Der Herero ist eine wilde Bestie, wenn seine Leidenschaften erregt sind! Wenn aber die Herren Missionare es in ihren Aufsätzen und mündlichen Vorträgen so darstellen, als wenn die Hereros erst in diesem Kriege die bekannten Scheußlichkeit verübt hätten, um sich für Gewalttaten zu rächen, die an ihren Frauen und Töchtern verübt seien, so ist dies eine tendenziöse Darstellung, die den Verhältnissen nicht entspricht. Diese Verstümmelung der gefallenen Feinde ist von jeher Kriegsgebrauch der Hereros gewesen.

        Kurze Zeit darauf machte Hendrik wieder einen Überfail auf Otjimbingwe.

        Wie früher beschrieben, ist das deutsche Viertel vom alten Eingeborenenteildurch das breite Tal des Omusema, eines Nebenflusses des Swakop, geschieden, auf dessen beiden Seiten sich die Ufer 6 - 10 Meter steil erheben. Plötzlich kamen die Witbois den Omusema herab geritten, sprangen von ihren Pferden und, nachdem sie an dem steilen Ufer Deckung genommen hatten, begannen sie den Eingeborenen teil zu beschießen. Auf dem Haelbich'schen Grundstück, welches ganz am andern westlichen Ende des Platzes gelegen ist, befindet sich ein starker Turm, die Citadelle von Otjimbingwe, welche den ganzen Platz beherrscht und ihn stets bei den früheren Angriffen der Hottentotten gehalten hatte. Mehrmals hatten schon in früheren Zeiten die Hottentotten, namentlich die Jan Afrikaner'schen, versucht, bei einem beabsichtigten Angriff vor Beginn des Gefechts, in das Haelbich'sche Grundstück einzudringen, um den Turm zu besetzen und sich so von vorneherein zu den Herre der Situation zu machen. Von diesem Turm aus verteidigten die Hereros auch diesmal den Platz, als die Hottentotten auf der Hochfläche vorrückten und die auf derselben stehenden Pontoks der Hereros niederbrannten; sie wurden hier so stark beschossen, daß sie wieder in den Fluß zurück mußten. Die Hottentotten begruben hier in aller Eile ihre Toten, und um nach alter Manier ihre Verluste zu verheimlichen und damit die Hereros die Leichen nicht finden und ausgraben sollten, ließen sie nachher ihre Pferde auf der Stelle stehen. Sie wurden aber doch gefunden, es waren zehn bis zwölf, und nach Hereromanier durch die Frauen verstümmelt.

        Hendrik Witboi selbst hatte sich während des Gefechtes nach Kleinschmidt's  Haus auf der deutschen Seite des Omusema begeben, beobachtete von hier aus das Gefecht und trank in aller Gemütsruhe Kaffee, aß Kuchen dazu und unterhielt sich mit den anwesenden Europäern, bis sich das Gefecht mehr nach Süden zog, wo er sich seinen Leuten wieder anschloß. Am tapfersten soll sich in dem Gefecht der auf Hereroseite kämpfende, früher von Hendrik vertriebene Hottentotten-Kapitän Koll gezeigt haben, der ja noch eine persönliche Rache zu befriedigen hatte. Er hatte sich eine kleine Schanze von Steinen gebaut, und ging mehrmals, wenn er sich verschossen hatte, kaltblütig mitten im Feuer zurück, um sich neue Patronen zu holen, worauf er dann seine alte Deckung wieder aufsuchte. Der Hererokapitän Zacharias Zerauda hatte sich mutigen Herzens mit seiner Decke und seinem Gewehr in der Kirche versteckt, deren Mauern dick genug waren, um keine Kugel durch zu lassen, Am Nächsten Sontag wo ich zufällig in Otjimbingue war, sah ich die Decke oben auf dem Chor in einer Ecke liegen.

        Während Hendrik's Krieger den Platz beschossen, hatten seine übrigen Leute das Vieh im Felde zusammengetrieben und zogen damit in der Richtung auf Tsaobis ab. Als sie weit genug fort waren, folgten ihnen die Reiter langsam. Die Herero setzten ihnen unter Elias, dem Bruder von Zacharias, nach. Halbwegs Tsaobis kam es noch einmal zum Gefecht, Elias fiel und die Herero zogen sich zurück. Hendrik ritt mit seiner Beute unbehelligt gegen Hornkranz.

        Kurze Zeit darauf ging Hendrik wieder gegen Okahandja. Er war mit seinem Orlog bis nach Otjihavera gekommen, um am nächsten Tage Okahandja anzugreifen. Plötzlich in der Nacht bekam einer von Hendriks Unterführern eine direkte göttliche Inspiration. Mag es nun sein, daß der Fanatismus des Häuptlings ansteckend gewirkt hatte, oder daß der Ehrgeiz den Mann veranlaßt hatte, zu denken, vor Gott sind alle Menschen gleich, ich kann ebenso gut göttliche Eingebungen haben wie der Kapitän, kurz, er fühlte den Beruf in sich, nach Okahandja zureiten und Samuel Maharero zu erschießen. Noch etwa 20 Leute schlossen sich ihm an und in einem Galopp ging es nach Okahandja, quer über den Platz vor Samuels Haus. (Er wohnte nun in dem geerbten Haus seines Vaters). Die Hereros hatten in aller Ruhe in ihren Häusern geschlafen und erst durch das Geräusch des durchgaloppirenden Reitertrupps wurden sie geweckt, griffen zu ihren Gewehren und eilten zum Hause ihres Kapitäns.

        Nun stand vor dem Hause ein Pontok, in welchem der alte Maharero nach seiner alten Hereromanier gewohnt hatte. Denn wenn er auch der neuen Zeit das Zugeständnis gemacht hatte, sich ein großes, eines Oberkapitäns würdiges Haus zu bauen, fühlte sich seine Hereronatur  doch wohler in einem Pontok. Er lebte also in diesem und benutzte das Haus nur zur Erledigung seiner Repräsentationspflichten. Samuel dagegen, als Kind der Neuzeit, zog es vor, in dem Hause zu wohnen, und der Pontok stand leer. Dieser Pontok war ein großes, rundes Bauwerk von Bruchsteinen mit einem kegelförmigen Strohdach. Ein Teil der Hottentotten setzte sich in diesem Bauwerk fest, der Rest lag am Ufer des nahen Flußbettes in Deckung und beschoß von da aus das Haus. Diese Abteilung wurde von den  vom Platz angekommenen Hereros angegriffen und einer nach dem andern fiel, aber die im Hause Befindlichen waren nicht heraus zu bekommen, Da kroch der Hottentottenkapitän Koll, der sich jetzt in Okahandja befand, auf das Dach des großen Hauses und steckte von dort aus das Strohdach des Pontoks in Brand. Einige Hottentotten liefen heraus nach dem Flußbett zu und wurden niedergeschossen, die andern verbrannten im Hause lebendig. Keiner von dem ganzen Trupp entkam.

        Als ich einige Zeit später in Okahandja war, führte mich der Kapitän Mambo umher und zeigte mir die verschiedenen Blutstellen, wo Menschen oder Pferde gefallen waren. Die Leichen der im Pontok gefallenen Leute werden zu den im Flußbett liegenden geworfen, und dort den Schakalen zum Fraß überlassen, obgleich es mitten auf dem Platz war und die ganze Umgegend durch einen fürchterlichen Gestank  verpestet wurde. Missionar Viehe erbarmte sich nachher, ließ die noch übrigen Reste sammeln und eingraben, sehr zur Unzufriedenheit der Hereros, welches ihn indessen nicht hinderten. Bei dieser Gelegenheit war den Hereros auch das berühmte Streitroß Hendrik Witboi's "Stumpoor" in die Hände gefallen. Es war dies ein gesalzenes, ganz ausgezeichnetes Tier, welches Hendrik in der Regel auf seinen Kriegszügen ritt und welches einer seiner Leute bei dieser wahnsinnigen Attacke mitgenommen hatte. Die Hereros erschossen es aus Furcht, das es zu seinem Herrn zurücklaufen möchte.

        Hendrik zog sich jetzt wieder nach Hornkranz zurück, da er nicht mehr hoffen konnte, die Hereros zu überraschen. Nach diesem Mißerfolge machte er nur noch einen, den letzten Zug nach dem Osten, von dem er nur 300 Stück Rindvieh mit brachte. Sehr wenig, gegen früher, wo er oft über 3000 erbeutete.

        Hiermit hatten die Kriege der Eingeboren untereinander ihr Ende erreicht. Schon früher hatten die Bastards versucht, den Frieden zu vermitteln. Bei einer früheren Gelegenheit traf ich in Okahandja, als Ich aus dem Handelsfelde zurückkam, den Kapitän Hermanus van Wyk und mehrere Rehobother Ratsleute, mit den Hererogroßleuten in einem Hause, heimlich verhandelten, und mich schleunigst hinweglockten, als ich zufällig in das Haus kam und meine Bekannten begrüßen wollte. Sie hatten große Furcht, ich beabsichtigte ihre Heimlichkeiten zu belauschen, woran mir garnichts gelegen war, denn ich kannte die Gesellschaft genau genug, um zu wissen, was bei ihrem grimmigen Haß gegen alle Fremden, namentlich, wenn diese die Herren sein wollten, da besprochen wurde. So vertrauensselig, wie die deutsche Regierung ist, war ich nicht. Aber ihre Heimlichkeiten zu ergründen, soweit sie mich nichts angingen, fühlte ich gar kein Bedürfnis. Samuel kam ich gerade recht, er als Kapitän hatte die Pflicht die fremden Gäste zu Beköstigung, und da er gerade kein schlachtbares Rind auf dem Platze hatte, borgte er von mir sofort einen Schlachtochsen. Als Kapitän hielt er es natürlich unter seiner Würde, mir den Ochsen später zurückzuerstatten. Wozu sind denn die Fremden da.

        Die Aufforderungen der deutschen Regierung an Hendrik, sich unter deutschen Schutz zu stellen, waren immer dringender geworden, ebenso wurde er darauf aufmerksam gemacht, daß die Hereros sich unter deutschem Schutz befanden und daß die deutsche Regierung, wenn er seine Angriffe auf ihre Schutzbefohlenen nicht einstellte, einschreiten und ihn zur Ruhe und Unterwerfung zwingen würde. Auch die Hereros fingen an, von der deutschen Regierung wirksamen, effektiven, nicht nur papiernen, Schutz zu verlangen. Zur Besiegung ihrer Feinde waren ja die Deutschen gut genug, wenn sie auch sonst sich so wenig wie möglich in ihre Angelegenheiten mischen sollten.

        Hendrik blieb auf dem Standpunkt, daß er keinen Schutz nötig hätte und sich schon selbst schützen würde. Aber schließlich sah er doch ein, daß er sich dem Zwang fügen und Frieden mit den Hereros machen müßte. Es wurde eine Zusammenkunft von Großleuten beider Parteien (ich war damals gerade in Damaraland) auf Rehoboth vereinbart und durch Vermittlung der Bastards kam ein Frieden zustande, namentlich auch deshalb, weil beiden Parteien klar geworden war, daß sie nur benutzt wurden, um sich gegenseitig in Schach zu halten und daß sie besser daran täten, einig gegen die Deutschen zu sein. In einem alten, im Schutzgebiet lebendem englischen Händler verfaßten Artikel lese ich gerade, während ich dies schreibe, in der "Cape Times", wie er erzählt, daß Hendrik dies offen gegen ihn ausgesprochen hat. Mir hatte Hendrik früher einmal, als ich ihm gegenüber die Meinung äußerte, daß Hereros und Hottentotten niemals einig werden würden, mit schlauem Lächeln gesagt: "Weißt Du nicht? Wenn zwei Hunde auf einer Werft sind, beißen sie sich alle Tage; kommt aber ein fremder, dritter, dazu, so fallen sofort beide gemeinschaftlich über den her.

        Hendrik hatte mit den Hereros Frieden gemacht, das Land war beruhigt und von demselben Tage an war die deutsche Stellung im Lande bedeutend gefährlicher geworden, Hendrik mußte jetzt gezwungen werden, die deutsche Oberherrschaft anzuerkennen. Auch die deutsche Regierung hatte die Gefahr erkannt und die Schutztruppe verstärkt. Hendrik wurde der Napoleon des Namaqualandes genannt und er verdiente diesen Namen mit Recht; die meisten Stämme hatte er unterworfen, die Häuptlinge ermordet oder vertrieben, die Leute an sich gezogen und auf die Schlachtbank geführt. Sein unbeschränkter Einfluß in ganz Namaqualand war ohne Widerspruch anerkannt, von allen Stämmen, auch von den von ihm nicht unterworfenen strömten ihm stets neue Leute zu, alle unruhigen Elemente des Landes vereinigten sich unter ihm und schwanden unter ihm dahin. Das schon immer sehr spärlich bevölkerte Namaqualand wurde immer menschenleerer. Auch die Hereros hatten sehr starke Menschenverluste durch die immerwährenden Kriege gehabt. Während aber bei den Hottentotten schon in normalen Zeiten der Abgang durch den Tod durch die Geburten nicht gedeckt wurde, und die Hottentotten langsam, aber sicher ganz vom Erdboden verschwinden werden, überwiegen bei den Bantustämmen, zu denen Hereros sowohl wie Ovambos gehören, die Geburten bei weitem gegenüber den Todesfällen, sodaß selbst der Verlust durch den Krieg die Vermehrung des Stammes nicht hindert.

        Wenn man ohne Sentimentalität diese Sachlage überdenkt, kann man sie kaum bedauern. Die Hottentotten sind stets nur Drohnen im Bienenkorbe gewesen und haben in der Hauptsache nur von dem gelebt, was die Hereros produziert, und sie diesen geraubt haben. Die Hereros dagegen sind vorzügliche Viehzüchter und die Tausend und Tausende der jährlich das Schutzgebiet nach der Kapkolonie verlassenden Rinder stammten nur von ihnen. Auch nachdem im Jahre 1897 die Rinderpest die Viehbestände so bedeutend vermindert hatte, daß in der Omaheke nur ca. 5 Prozent übrig blieben, war bis zum, Ausbruch des Krieges schon wieder eine solche Vermehrung eingetreten, daß die reicheren Leute wieder anfingen, Totenochsen zurückzustellen. Noch einige friedliche Jahre und Damaraland hätte seinen früheren Rinderbestand wiedergehabt.

        Wenn dieser Aufstand niedergeschlagen ist, die Hereros sich von der Übermacht der Deutschen überzeugt und vollständig unterworfen haben werden, werden sie ganz brauchbare, nützliche Bewohner der Kolonie werden, während aus dem schwächlichen, faulen, nicht ans Arbeiten gewöhnten, unruhigen Hottentotten niemals ein brauchbarer Arbeiter gemacht werden kann.

        Die Geschichte der Eingeborenenkriege hat mich den Ereignissen etwas vorauseilen lassen, und ich muß nun meine persönlichen Erlebnisse aus dieser Zeit nachholen.



Otjimbingwe Oulver Turm
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