Kapitel 20


Zwanzigstes Kapitel

Handelszüge im Damaraland.

        Ich betrieb mein Geschäft jetzt in der Weise, daß ich in Rehoboth die von Händlern aus der Kapkolonie gebrachten Pferde gegen Ochsen eintauschte. Die Händler pflegten, nachdem Mitte Mai nach dem ersten Frost die Pferdesterbe erloschen war, von der Kapkolonie oder dem Freistaat aufzubrechen und im Juni bis Juli in Rehoboth einzutreffen. Ich reiste dann mit den Pferden und mit einer oder zwei Frachten Handelswaren ungefähr im Juli oder August ab, während in meinem Rehobother Store ein Angestellter zur Erledigung der dortigen Geschäfte zurückblieb. Etwas vor Weihnachten pflegte ich nach Hause zu kommen. Die größeren Rinder und das Kleinvieh wurden nach Zurückstellung dessen, was ich für mich selbst behalten wollte, verkauft. Die kleinsten Tiere blieben stehen und wuchsen bei dem guten kräftigen Futter in der Regenzeit bis zur nächsten Saison soweit heran, daß sie nun von neuem zum Ankauf von Pferden dienen konnten. Der Handel in dieser Weise rentierte sich recht gut und wenn auch häufige Verluste den Verdienst minderten, so hatte ich es doch zu einem für afrikanische Verhältnisse ganz annehmbarem Wohlstande gebracht, d. h in Vieh. . Bares Geld war damals, wie auch später, im Laude äußerst knapp und nur mit vieler Mühe und Aufwendung der größten Geschäftskunst war es möglich, die baren Mittel für die nötigen Rimessen aufzubringen, namentlich da die Schutztruppe von mir prinzipiell nichts kaufte.

        Ich war mit den Vorbereitungen für einen neuen Handelszug beschäftigt und beabsichtigte in den nächsten Tagen abzureisen, als zu unserer Überraschung eine Expedition aus Transvaal in Rehoboth eintraf. Herr Wecke, der in Transvaal am Haupttransportwege drei Store hatte, und ein lebhaftes Geschäft mit den Frachtfahrern betrieb, sah, daß das Geschäft nach Fertigstellung der Bahn wesentlich zurück gehen mußte und da er neue Beschäftigung für sein Kapital und seine Arbeitskraft suchte, hatte er seine Augen auf die neue deutsche Kolonie geworfen. In einem neuen Lande ist für einen tüchtigen Geschäftsmann immer etwas zu machen, und ein im Anfang gegründetes und richtig geleitetes Geschäft, dem alle Erfahrungen zur Seite stehen, muß sich gleichzeitig mit der Entwicklung des Landes ausdehnen. Herr Wecke hatte deshalb eine Expedition unter Leitung der Herren Albert Voigts Brandt und Klapproth ausgerüstet, um sich zunächst erst einmal über die Verhältnisse des Landes und die Aussichten eines dort zu gründenden Geschäftes zu informieren.

        Die Herren trafen in Rehoboth ein und fuhren nach Aufenthalt von einigen Tagen nach Okahandja, wo sie einen Tag nach mir eintrafen. So fanden wir uns wieder zusammen. Sie spannten weit von meinem Wagen entfernt auf einer anderen Stelle aus, die ihnen die Hereros angewiesen hatten. Es ist einer von den schlauen Tricks der für sehr dumm gehaltenen Eingeborenen, die einzelnen Händler von einander entfernt zu halten, damit sie sich nicht besprechen und beraten und besser belogen werden können: Der andere bezahlt für Ochsen von diesem Alter so und so viel mehr als Du, seine Waren sind besser und so und so viel billiger, u. s. w.

        Auch der Händler Bur W. war auf Okahandja. W. war vor nicht langer Zeit mit einigen Pferden aus der Kolonie ins Land gekommen. Er hatte sehr klein angefangen, war in der letzten Zeit hauptsächlich in Okahandja tätig gewesen und hatte dadurch, daß keine Konkurrenz dort war, ein recht gutes Geschäft gemacht. Die jetzt angekommene, gleich doppelte Konkurrenz paßte ihm garnicht und er suchte ihr so viel wie möglich zu schaden.

        Am Abend, als ich angekommen war, marschierten Samuel's "Soldaten" vor meinem Wagen auf. Sie hatten den deutschen Soldaten schon etwas abgesehen und bemühten sich, sich so militärisch wie möglich zu benehmen. "Gewehr ab", kommandierte .der Anführer Justus Kawizeri. Die Gewehre wurden abgesetzt, mit wichtiger Mine trat Justus auf mich zu und verlangte Herausgabe des Briefes, den mir Hendrik Witboi geschrieben hätte, und in dem er mir seine nächsten Pläne mitgeteilt haben sollte. Ich hatte keinen Brief empfangen und Hendrik pflegte mir auch seine Pläne nicht mitzuteilen; so intim war unsere Freundschaft nicht. Zunächst konnte ich mir den Zusammenhang nicht erklären, bis mir W. einfiel. Aber Justus bestand mit echter Hererobeharrlichkeit auf seinen Brief: ob ich nicht sähe, daß er zwölf Leute bei sich habe, er könne mich erschießen lassen. "Ja, Justus, das kannst Du tun, aber der Kaffee ist gerade fertig, trink doch lieber Kaffee". Nach vielem Hin- und Herreden gab er sich schließlich zufrieden, kommandierte "abtreten", setzte sich zu mir und wir tranken gemütlich Kaffee. Hierbei erfuhr ich dann. daß meine Vermutung recht gewesen und der Brief wirklich eine Konkurrenzerfindung von W. gewesen war.

        Dieselbe Geschichte wiederholte sich dann beim Wagen von Albert Voigts und Brandt. Von diesen hatte W. erzählt, daß sie während ihres Heraufkommens aus der Kolonie Munition an Hendrik verkauft hätten. Es ist ja möglich, daß sie es getan haben, denn der Munitionshandel war ja zu damaliger Zeit noch frei. Von W. aber war es jedenfalls eine Erfindung, denn wenn es wirklich der Fall gewesen wäre, konnte er es ebensowenig gewußt haben wie ich. Alle diese Maneuvres halfen ihm aber nichts. Wir handelten auf Okahandja fertig und setzten dann jeder seine Reise fort. Da in den alten Schutzverträgen der Passus enthalten war, daß die Häuptlinge berechtigt seien, die früher üblichen Abgaben weiter zu fordern, mußte ich 1 Pfd. Handelslizenz bezahlen, die Wecke'sche Expedition dagegen 4 Pfd., weil sie mehrere Wagen hatten, mehrere weiße Leute, hauptsächlich aber, weil sie Fremdlinge waren.

        Mit meinem alten Dolmetscher Saul Szaman machte ich mich auf den Weg, den Samuel Maharero mir empfohlen hatte, in der Richtung nach dem Waterberge. Auf Komaja, ungefähr halbwegs zum Waterberge, machte ich Halt. Hier war eine Kalkpfanne, die ausgezeichnetes, nie versiegendes Wasser hielt, und ein vorzügliches Weidefeld. Ich beschloß, eine Zeitlang stehen zu bleiben und die Leute, die Pferde kaufen wollten, zu erwarten. Der Handel ging gut, alle paar Tage mußte ich meinen Ochsenkraal vergrößern und auch für andere Handelswaren fanden sich willige Käufer. Von allen Seiten kamen größere Häuptlinge und versorgten sich mit Pferden; auch die Söhne Kambazembi's, des reichen Kapitäns vorn Waterberge, kamen und suchten sich Pferde aus. Ich mußte aber versprechen, sechs Tage zu warten, da sie erst zu ihren Posten reiten und von dort die zur Zahlung nötigen Ochsen holen mußten. Kambazembi galt damals für den reichsten Hererohäupling und wurde auf 70,000 Rinder geschätzt. Nicht weit von Komaja auf Okandjoze wohnte ein Onkel von Samuel, Zemunia mit Namen, auch dieser war ein alter Pferdekunde von mir und ein reicher Mann. Während die Rinder des Kambazembi das Stammeseigentum bildeten, welches er zu verwalten hatte, gehörte der Reichtum des Zemunia diesem persönlich. Von den Hereros wurde sein Eigentum so geschätzt, daß er täglich vier Schlachtochsen verkaufen konnte. Auf seiner Weft standen zwei große Pontoks mit vermauerten Wänden und mit Thon wasserdicht gemacht; diese enthielten seine Kriegsmunition. Da er ein reicher Mann war, hielt er es für eine Hereropatriotenpflicht, jede Munition die zu ihm kam, zukaufen und für den allgemeinen Gebrauch für den Fall der Not aufzuspeichern. Zemunia galt allgemein als der ehrlichste Herero und auch als der beste Freund der Weißen im Damaraland. Wenn er Pferde kaufen wollte und auf seiner Werft keine Ochsen hatte, sondern diese erst von entfernten Posten holen lassen mußte, trug ich durchaus kein Bedenken, ihm die Pferde zu lassen und konnte sicher sein, auf dem Rückwege die Ochsen auf mich wartend zu finden und zwar ehrlich in der richtigen Zahl und dem versprochenen Alter. Er hatte für seine weißen Freunde ein eigenes Haus gebaut, welches stets sauber gehalten wurde und zum Empfange von Gästen bereit war. Da jeder größere Häuptling einen ähnlichen Munitionsvorrat hielt, der niemals angegriffen wurde (die Jagdmunition wurde besonders gekauft) so war in Damaraland ein gewaltiger Posten Munition aufgespeichert, um für einen Krieg immer bereit zu sein. Verbraucht wurde diese Munition niemals. Jetzt wundert man sich, wo bei dem jetzigen Aufstande die großen Mengen Munition herkommen. Nach meiner Ansicht sind es zum größten Teil diese alten Bestände.

        Die Leute, die hier herum wohnten, gehörten alle zu Samuels eigenem Stamme und ich hatte daher ein sehr gemütliches Leben. Um Diebstähle brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, denn, sagten die Leute, Du bist ja Samuels Freund, wir stehlen nur von unseren Feinden; außerdem war ich noch nicht auf dem Rückwege. - Hier kam auch der Kapitän Judas zu mir, der Pferde kaufen wollte. Da ich, nachdem Kambazembis Söhne die ihrigen reserviert hatten, nur noch neun Stück hatte, kaufte er diesen Rest. Ich mußte aber zu ihm nach seiner Werft kommen, um die Zahlung in Empfang zu nehmen. Judas wohnte am Omuramba in der Nähe der Omatakoberge. Er hatte früher auf Omburo gewohnt mit einem anderen Häuptling zusammen. Zwischen ihnen war wegen des Gartenlandes Streit ausgebrochen und Judas war fortgezogen in der Absicht, sich zu rüsten und dann den Platz mit Gewalt zu nehmen. Als er schon bei den Omatakos wohnte, schlich sich in der Nacht ein Mann der Omburoer Gegenpartei auf seine Werft und in den Pontok, in dem er schlief, um ihn zu erschießen. Die Frau, welche das Geräusch hörte, erhob sich und der Mörder, in dem Glauben, Judas vor sich zu haben, erschoß sie. Er floh, wurde aber eingefangen, und es wurde ihm die Kehle abgeschnitten.

        Judas rüstete nun zum Rachezuge und hatte dazu Pferde nötig. Er bedauerte sehr, daß die besseren bereits von Kambazembis Söhnen reserviert waren, und ich mußte ihm versprechen, ihm auch diese zu überlassen, falls die Käufer nicht pünktlich am bestimmten Tage erscheinen würden.

        Am nächsten Morgen in der Frühe ritten wir ab, die zwei Dolmetscher, ich und einer von meinen Leuten, der die Verkaufspferde anjagte, dazu Judas und seine Begleiter. Judas hatte mir gesagt, seine Werft sei nicht sehr weit entfernt; in Folge dessen hatten wir kein Wasser und keinen Proviant mitgenommen Wir ritten und ritten, die Sonne wurde heiß, es wurde Mittag, wir ritten immer noch. Auch waren wir hungrig geworden, aber vor allen Dingen wurden wir nach dem Ritt in der brennenden Sonne vom Durst geplagt. Endlich nachmittags kamen wir an einem Wasserloch im Omuramba an. Es war im lockeren Sand ein Loch ausgegraben, auf dessen Sohle sich etwas Wasser befand. Hier war guter Rat teuer. Die Höhlung, in der sich am Grunde des Brunnens das Wasser befand, war nur klein und eng und niemand hatte etwas bei sich, womit man schöpfen konnte. Not macht erfinderisch! Einer der Hereros zog seinen Schuh aus, schöpfte und reichte heraus. Zuerst konnte ich mich nicht entschließen, aus diesem wenig appetitlichen Gefäße zu trinken, nachdem aber, alle mit gutem Beispiel voran gegangen waren, bezwang ich mich. "Und es kreiste so fröhlich der Becher in unserer Mitte herum". - Der Durst war gelöscht und nachdem wir die Pferde etwas hatten ruhen lassen, ging es weiter.

        Gegen Abend kamen wir auf einer großen Werft an, auf der ein ganz alter Herero wohnte, den ich von früher kannte. Als ich früher einmal auf seiner Werft stand (damals wohnte er bei einem großen Vley) schickte er mir täglich zwei große Wassereimer voll Omaere (saure Milch); den einen für mich, den andern für meine Leute. Diesmal entschuldigte er sich, seine Kühe hätten noch nicht gekalbt; er brachte aber doch Milch genug, daß ich, da ich den ganzen Tag noch nichts genossen hatte, mir den Magen füllen konnte. Wir ritten dann weiter, und lange nach Sonnenuntergang kamen wir auf Judas' Werft an.

        Hier wurde ein Pontok für uns rein gemacht und mit neuen Felddecken versehen; Kaffee wurde gekocht, Omaere gebracht und ein Schlachthammel geliefert. Wir schlachteten, brieten Fleisch, aßen, tranken, legten uns nieder und schliefen den Schlaf des Gerechten bis uns am nächsten Morgen das Brüllen der Kühe nach ihren Kälbern weckte.

        Judas' Werft war ungefähr so groß wie ganz Rehoboth. Der ganze Platz war mit einem ca. vier Fuß hohen dichten Buschkraal umgeben, in welchem die Werften der einzelnen Familien wieder durch besondere Kraale abgegrenzt waren in derselben Weise, wie früher bei der Werft von Kahemuma beschrieben; nur das hier bei den Hereros alles sorgfältiger gemacht, reinlicher und besser in Ordnung gehalten war, wie dort bei dem Banderuhäuptling.

        Judas kam, brachte uns Kaffee, erkundigte sich als höflicher Mann, wie wir geschlafen hätten und teilte uns mit, daß seine Leute schon fort nach ihren Posten wären und wir gegen Abend handeln würden. Der Tag verlief ziemlich langweilig. Endlich am Abend kamen die Leute mit den Ochsen an und der Kampf konnte beginnen. Die Ochsen, die die Leute brachten waren sehr klein. Man fand in Damaraland nur selten noch ganz reine Damaraochsen, fast alle waren schon etwas mit besseren Rassen verbastarded, aber diese welche die Leute hier brachten, waren noch ganz  die alte dünnhalsige und lang- und dünnbeinige Sorte und außerdem höchstens 2-21/2 Jahr alt, während Pferdeochsen 3 Jahr alt sein müssen, ich wollte sie erst garnicht annehmen, da aber die Posten zu weit entfernt waren, um andere holen zu können, und ich auch nicht warten wollte, kamen wir nach vielem Streit dahin überein, daß ich die Ochsen nehmen wollte, wenn die Leute anstatt zwölf für das Pferd, vierzehn oder fünfzehn bezahlten. Wir wurden schließlich fertig, ich verkaufte meine Sättel auch noch und am nächsten Tage zog ich mit 120 Ochsen nach meinem Wagen zurück. Kaum war ich einige Stunden dort, so kam Judas schon mit einem zweiten Posten Ochsen hinterher, um die anderen Pferde noch zu kaufen, falls Kambazembis Söhne nicht gekommen wären. Er kam aber vergebens, die Käufer waren schon da, als ich zum Wagen kam und hatten schönere Ochsen gebrach wie er.

        Ich hatte in Komaja mein Geschäft beendigt und fuhr weiter. Zemunia hatte mich aufgefordert, zu seinen Brüdern, zwei Tagereisen nach Osten entfernt , zu fahren, die schon lange einen Händler wünschten und ich fuhr dort hin. Nahe bei meinem Ausspannplatz sah ich einen neuen Händlerkraal und erfuhr, daß Wallace, ein englischer Händler, acht Tage dort gestanden habe und erst am Tage vor meiner Ankunft weiter gefahren sei. Er hatte nichts gehandelt, weil er mit den Leuten nicht einig werden konnte und weil diese, wie sie sagten, auf mich gewartet hatten. Aber auch ich konnte mit dieser Gesellschaft nicht fertig werden. Alle meine Waren waren ihnen zu teuer und meine Ochsenpreise zu billig. Häufig ist es zwar ein Zeichen, daß die Leute viel gebrauchen, wenn ihnen daran gelegen ist, die Preise zu drücken; hier aber schien es unmöglich zu einer Einigung zu kommen und daß auch Wallace, der gleichfalls ein alter erfahrener Händler ist, ohne Geschäft hier fortgefahren war, schien ein Zeichen, daß diese Leute wirklich nichts brauchten. Ich war also, nachdem ich zwei Tage gestanden hatte, entschlossen, am nächsten Morgen weiter zu fahren. Da am Abend kam Samuel Mahahero mit einem Trupp Reiter auf dieser Werft an. Er kam zu meinem Wagen geritten, fragte, wie es ginge, und ich erzählte ihm, daß ich am nächsten Morgen weiter fahren wolle, da hier kein Handel wäre. Er meinte; "Das geht nicht, da ist hier ein Fehler, bleibe morgen noch hier, ich will mit den Leuten erst mal sprechen." Das tat er dann auch. Er sagte den Leuten; "Ihr bittet mich fortwährend, daß ich Euch einen Händler schicke, weil Ihr um alles verlegen seid. Jetzt habt Ihr Wallace gehen lassen, ich habe Euch Conradt, der beste Händler der nach Damaraland kommt geschickt; mit dem könnt Ihr auch nicht fertig werden, wenn ihr morgen nicht handelt, dann schicke ich Euch überhaupt keinen Händler mehr." Das half; am nächsten Morgen fing der Handel an und als Samuel am Abend weiter ritt, rief er mir zu: "bleibe nur einige Tage hier stehen, Du wirst zufrieden sein, ich schicke die Leute aus der Nachbarschaft auch noch." - Ich war auch zufrieden. Auf dieser Werft handelte ich ungefähr 70 Rinder und entsprechend Kleinvieh nur für Kleider.

        Ich hatte jetzt gegen 100 Stück Rindvieh zusammen und da ich noch weite gehen wollte und der Zug mir zu schwer wurde, schickte ich meinen Oberochsenwächter, Lang Klaas Cloete, mit den eingehandelten Rindern nach Hause. Meine Pferde, Gewehre und Munition waren verkauft. Ich wollte nun probieren, die andern Handelsgüter auch noch zu verschachern. Ich setzte meinen Handelszug fort und kam schließlich an den Omuramba, wo ich einige Tage stehen blieb. Auch hier war ich sehr willkommen, da Damaraland noch nicht so überflutet von Händlern war, wie in der letzten Zeit vor dem jetzigen Aufstände. Ansässige Händler gab es außer auf den großen Plätzen Okahandja, Otjimbingwe und Omaruru überhaupt noch nicht und umherreisende Händler nur äußerst wenige, meistens wurden die Bedürfnisse der Leute im Felde durch eingeborene Händler befriedigt, die in den Stores der großen Plätze Waren entnahmen, diese verhandelten und nach ihrer Rückkehr abrechneten. Diese konnten natürlich nur sehr teuer sein, da sie schon bei ihrem Einkauf Detailpreise bezahlen mußten und daher kam es, daß ein größerer weißer Händler, der nicht teuerer verkaufte, als die großen, festen Store, fast immer mit Freuden empfangen wurde. Allerdings gehört eine besondere Begabung dazu, mit diesen rohen unkultivierten Feldhereros fertig zu werden. Eines Tages kam am Omuramba ein selbst unter den Hereros auffallend langer Kerl und trieb eine Herde Vieh in den Kraal, um dafür zu kaufen. Er sah die Sachen an, wählte einiges aus und ging dann in den Kraal, um das Vieh zur Bezahlung auszusuchen. Das tat er, indem er mit lauter Stimme dazu Trauergesänge anstimmte: "Oh meine Kälber, mit Mühe habe ich eure Mütter groß gemacht, ich habe sie auf die Weide getrieben, ich habe mit schwerer Mühe Wasser für sie geschöpft in der trockenen Zeit. Ich habe für sie gesorgt und sie gepflegt! Oh, meine Kälber! ihr meine Freude und mein Stolz, jetzt muß ich euch hingeben. - Ich bin Großmann, Hosen muß ich haben, auch Schuhe, denn die Dornen sind scharf, auch einen Hut, denn die Sonne brennt heiß. 0h, meine Kälber!" - Bei jedem neuen Kauf, den er machte, ertönte dasselbe Lied dacapo mit Variationen.
Der Kerl war ein Schwiegersohn des alten Maharero, also ein Schwager von Samuel. -Wie mir meine Leute nachher erzählten, hatte er das Kommando gehabt, als auf einem Jagdzuge beim Ausbruch eines der zahlreichen Kriege acht Bastards von der Diergaard Familie zusammen mit einem Weißen, dem Schotten McNaab, ermordet wurden.

        Nachdem ich den Omuramba überschritten hatte, ließ ich diesmal den Waterberg links liegen und nahm meine Richtung mehr östlich. Ich meide in der Regel die großen Plätze, weil diese zu häufig von Händlern besucht werden und dort wirkliche Verlegenheit um Handelswaren selten vorhanden ist, und ziehe vor, die größeren Werften mitten im Felde aufzusuchen. Ich handelte in dieser Gegend noch einige Zeit umher und fuhr, meinem Prinzip getreu, sobald die letzte Cordhose verkauft war. nach Hause. Nach Hause dürfte ich eigentlich nicht sagen. Ein Herero fragte mich einmal, als ich sagte, ich wolle nach Hause fahren: "Wo bist Du eigentlich zu Hause?" "Auf Rehoboth". "So und wo liegt denn Dein Vater begraben?" "In Deutschland". Siehst Du, wo Dein Vater begraben ist, da bist Du zu Hause, hier sind wir zu Hause!"

        Ich brachte noch 300 Stück Rindvieh und einen Posten Kleinvieh mit (mehrmals hatte ich mir Waren von Okahandja nachkommen lassen) und freute mich, während der Regenzeit von der Aufregung und allem Ärger wieder einmal Rehoboth gründlich ausruhen zu können. Ganz ohne Ärger geht es eben bei den Hereros trotz der größten Freundschaft nicht ab; ist doch der Handel nach ihrer Ansicht halber Krieg. Einmal wollte sogar ein Herero, der einen Assagei zum Verkauf brachte dieselbe nach mir schleudern, als sie mir zu teuer war, und wurde daran nur dadurch verhindert, daß ihn ein anderer Herero mit seinem Kiri auf den Arm schlug so daß er sie fallen lassen mußte.


 Web design and domain by Ernst Keibel to be reached at ewg@iway.na and Swakopmund 402416