Kapitel 19


Einundzwanzigstes Kapitel.

Die letzte Zeit vor dem Witbooikriege 1893

        Windhuk vergrößerte sich, ein Regierungsgebäude entstand nach dem andern. Zwar wurde damals noch nicht so viel Tinte und Papier wie heute nutzlos verschwendet, aber der gute Wille war doch schon vorhanden. Es wurde eine Verfügung erlassen welche das Abbrennen des Grases vor Beginn der Regenzeit verbot, ein Jagdgesetz wurde erlassen, welches das Schießen von weiblichen Straußen und den Handel mit weiblichen Straußenfedern verbot, und der Handel mit Munition wurde von einer Erlaubnis und Lösung eines Handelsscheines abhängig gemacht.

        Die alten Ansiedler zuckten mit den Achseln, die Eingeborenen lachten einfach über diese Gesetze; mit welchen Mitteln wohl wollte die Regierung ihre Beobachtung erzwingen? Die wenigen Weißen zwar konnte sie wohl einigermaßen kontrollieren, obgleich ich nicht nur der festen Überzeugung bin, sondern genau weiß, daß weibliche Straußenfedern trotzdem gehandelt wurden, und mit welchen Mitteln wollte die Schutztruppe, die nur die eine Station Windhuk besetzt hatte, den Schmuggel von Munition über die südliche Grenze von unsern Freunden, den Engländern, verhindern? Was für einen Zweck hat es wohl, wenn in einem Lande, größer wie Deutschland, in dem sich noch nicht einmal hundert Soldaten befinden, Gesetze für die bis dahin noch nicht unterworfenen Eingeborenen losgelassen werden! Man macht sich doch nur lächerlich. Die Macht des moralischen Einflusses hatte ihre Ohnmacht doch schon genügend bewiesen.

        Natürlich die Kapitäne, welche mit den Deutschen im Vertragsverhältnis standen, hatten ihre Zustimmung zu allen diesen Verordnungen gegeben, selbstverständlich! aber natürlich doch nur vor den Augen. Auch wenn sie wirklich die Ausführung gewollt hätten, so hätte ihre Macht ihren eigenen Leuten gegenüber wohl kaum so weit gereicht.

        Hendrik Witboi sagte mir: "Was ist das für eine Gesetzmacherei? Gehört euch das Land? Land kann man nur erwerben mit Geld oder mit Blut; womit habt Ihr es erworben? Mit Geld nicht, ich habe kein Geld empfangen. Mit Blut nicht, ich habe noch kein deutsches Blut gesehen. Mit welchem Recht seid Ihr also die Herren?"

        Nun, heute, nach vielen Jahren, brennt alljährlich das Gras noch ebenso wie früher; sogar jetzt, während ich das schreibe, am Ende des Aufstandes, wo das Feld von Eingeborenen gesäubert sein sollte, sehen wir jede Nacht rund um uns den Wiederschein der Grasbrände am Himmel.

        Auch das Jagdgesetz war sehr gut gemeint, aber im höchsten Grade unpraktisch und unzeitgemäß und hatte nur den Erfolg, daß die armen Händler im eigentlichen Sinne des Wortes die Prügelknaben für die Regierung wurden. Ein Händler, Krebs, der später bei Gobabis erschossen wurde, kaufte im Felde Straußenfedern; es waren männliche. Als kurz darauf ein anderer Herero mit weiblichen Federn kam, lehnte Krebs ab, sie zu kaufen, indem er sich auf das Verbot der deutschen Regierung berief. Die Hereros konnten das nicht verstehen. Sie erklärten dem Händler, daß sie es wohl einsehen könnten, wenn jemand überhaupt nicht mit Federn handelt, das wäre seine Sache; daß aber ein Händler männliche Federn kauft und weibliche nicht, das ginge über ihren Horizont. An die Gesetze der deutschen Regierung kehrten sie sich nicht, sie wären in ihrem Lande und, das würden sie ihm zeigen. Er wurde gepackt, über die Wagendeichsel gebogen und ihm wohlgewogene 20 auf den dazu bestimmten Körperteil gezählt, Prügel zu bekommen war damals übrigens nicht so ungewöhnlich und es wird mehreren, heute im Schutzgebiet hochangesehenen Herren, nachgesagt, daß auch an ihnen das Strafrecht der Eingeborenen zur Ausübung gekommen sei.

        Auch ich hatte meine Erfahrungen mit weiblichen Straußenfedern zu machen, wenn ich auch nicht verhauen wurde. Ein Eingeborener kam zu meinem Wagen, suchte sich verschiedene Kleidungsstücke aus und wollte mit weiblichen Federn bezahlen. Als ich sie nicht annehmen wollte, warf er sie mir einfach in den Wagen, nahm seine Kleider und ging ab. Ich halte keine Lust, mich verhauen zu lassen und kaufte auf diesem Zuge ungesetzlicherweise "der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb" auch weibliche Federn.

        In Windhuk aber dafür Geldstrafe zu bezahlen, hatte ich auch keine Lust. Als ich auf dem Rückwege über Windhuk kam, ritt ich meinem Wagen voraus und besuchte die Herren von der Regierung. Herr Assessor Köhler war dort und Herr Leutnant von Bülow. Wir unterhielten uns über Landesangelegenheiten, ich berichtete über die Stimmung im Damaralande und während wir über das Jagdgesetz in Meinungsverschiedenheiten gerieten, wobei ich behauptete, daß das Verbot des Handelns mit weiblichen Straußenfedern keinem einzigen weiblichen Strauß das Leben retten würde und der Handel nur über die portugiesische und englische Grenze gelenkt würde, ritten meine Leute mit zwei Packpferden mit Straußenfedern unter den Fenstern vorüber. Bei meinen Wagen, die erst am nächsten Tage vorbei kamen, wurde natürlich keine Straußenfeder gesehen.

        Also es ging zu damaliger Zeit in Windhuk mit der Schreiberei noch einigermaßen an. Außer dem Landeshauptmann gab es als Beamte nur noch den Kanzler Assessor Köhler (später als Gouverneur von Togo gestorben), der auch gleichzeitig Richter war und die Herren Junker und Lauterbach, beide früher bei der Schutztruppe, als Bureaubeamte, v. Goldammer war Chef der Polizei und gleichzeitig einziger Polizist, außerdem Postbeamter, Proviantmeister und Zeitung, denn er wußte alle Neuigkeiten und sorgte für die nötige Verbreitung, kurz er war alles.

        Auch Privathäuser fingen an zu entstehen. Das erste baute Schmerenbeck, das Haus, in dem sich jetzt die Eingeborenenschule befindet; dann kamen Mertens u. Sichel und so einer nach dem anderen. Es begann schon allmählich nach einem Platz weißer Leute auszusehen.

        Zum Unglück wurde nun die Lungenseuche, von der das Land lange Zeit verschont geblieben war, eingeschleppt.

        Körner hatte im Ovambolande, wo die Lungenseuche niemals ausstirbt, gehandelt und von dort Lungenseuche mitgebracht. Da er gleichzeitig einen Posten Haelbich'scher Ochsen unter Aufsicht hatte, ließ sich garnicht vermeiden, daß diese mit seinen eigenen in Berührung kamen, und es herrschte im Lande daher ein allgemeines Mißtrauen gegen Otjimbingwe. Trotzdem kam eines Tages ein großer Posten Rinder von Otjimbingwe an, den die Truppe dort gekauft hatte. Ich war gerade in Windhuk, die Ochsen standen im Flußbett und wir fragten uns gegenseitig: wie kann man es nur verantworten, jetzt Ochsen von Otjimbingwe durch das ganze Land zu treiben und hierher zu bringen! Ich ging mit einigen Bekannten hin, um mir die Tiere anzusehen. Noch war ja von Krankheit nichts zu bemerken, aber Lungenseuche ist auch erst einige Zeit nach der Ansteckung erkennbar. - Richtig! Nach einiger Zeit hieß es: Lungenseuche in Windhuk! Da hatten wir die Bescherung! Es dauerte auch gar nicht lange, so war Lungenseuche im ganzen Lande verbreitet, sie folgte allen Truppenmärschen auf der Spur und wo Truppen sich aufgehalten hatten, konnte man sicher sein, nach kurzer Zeit Lungenseuche ausbrechen zu sehen.

        Ich mußte in dieser Zeit einmal nach Hornkranz reiten; mir war von meinem Pferdeposten ein Pferd fortgekommen und ich nahm als sicher an, daß es sich einer von Hendriks Leuten, dessen eigenes Pferd ermüdet war, - flau geworden, wie man hier sagt, - "geliehen" hatte,

        Hendrik Witboi war vor kurzer Zeit von einem Raubzuge nach Damaraland zurückgekommen und hatte einen größeren Posten Rinder mitgebracht. - Er empfing mich mit freundlich ironischem Lächeln vor seinem Hause. - "So? bist Du auch da? Es ist merkwürdig, wieviel Besuch von weißem Leuten ich jetzt mit einem mal bekomme, seitdem ich mit den Ochsen zu Hause bin; Sognes ist da, Favre ist da, die Heids sind da und nun kommst Du auch noch." Ich erklärte ihm zwar, daß ich nicht der Ochsen wegen, und warum ich käme; er schien es aber nicht recht zu glauben. Die Pferdeangelegenheit war schon in Ordnung, das Pferd war bereits wieder nach seinem Posten geschickt und der betreffende "Entleiher" hatte 200 aufgezählt bekommen.

        Hendrik entschuldigte sich dann, er hätte keine Zeit, er müsse für die andern Händler Ochsen ausjagen, ich sollte mich nur nicht beunruhigen und glauben, daß ich nichts bekäme, er hätte die meinigen und zwar die besten schon auf Seite gestellt, sie ständen da hinter dem Berge, er wolle nicht, daß die andern Händler sie sehen sollten; sobald sie fort wären, würde er die Ochsen mit Samuel Isaak nach Rehoboth schicken. - Ich wollte nun gleich wieder nach Hause reiten, jedoch ließ Hendrik es nicht zu, es würde eine Beleidigung für ihn sein, wenn ich von seinem Hause fort reiten würde, ohne etwas gegessen zu haben, seine sehr wohlbeleibten Töchter machten Kaffee und brieten Fleisch und dann, nachdem ich und mein eingeborener Diener gegessen und getrunken hatten, durften wir reiten.

        Nach einigen Tagen kamen dann auch die Ochsen an. In aller Frühe wurde ich von dem Unterkapitän Samuel Isaak und Henrik's "Kommissar" Keister nach dem Kraal gerufen, der voll von Ochsen stand. Nachdem wir nach einigem Handeln über den Preis einig geworden waren und die Ochsen gezählt hatten, - es waren 80, - ging es nach dem Store. "Was sind wir Witbois schuldig, zähle mal die Schulden von allen Leuten zusammen." - "So und so viel", - „Reichen die 80 Ochsen?" - Nein." - Wieviele fehlen noch?" - "Von derselben Sorte noch 20." - "Gut, warte mal ein Bißchen." - Nach einer kleinen Weile wurde ich wieder gerufen. "Zähle die Ochsen," - "Es sind 20." - "Sind nun alle Schulden bezahlt?" - "Ja, nun ist, Gott sei Dank, alles bezahlt." - "So, dann komme nach dem  Store und streiche unsere Schulden aus in Deinem Buche und gib uns ein „Volldaan", daß nun alles bezahlt ist."

        Nach einer Weile wurde ich wieder nach dem Kraal gerufen. Ich hatte erst keine Lust, zu gehen, da das Geschäft erledigt war, aber es half nichts, ich mußte kommen. Wieder stand der Kraal voll Ochsen. "Zum Donner, wir sind doch einig über den Preis, was wollt Ihr denn noch?" - "Nein, die verkauften sind schon ins Feld, dies sind ja andere 80, für die ersten haben wir unsere Schulden bezahlt, für diese wollen wir jetzt kaufen." - Nun, so ein Geschäft lohnte doch noch. Jedem der Leute wurde von den Unterkapitänen eine bestimmte Summe angewiesen, für die er kaufen konnte. Es dauerte zwar den ganzen Tag und auch den nächsten, bis die Leute fertig waren; der eine hatte über 10 Mk zu verfügen, ein anderer über 20, ein dritter vielleicht 60 Mk, Auch untereinander hatten die Leute noch ihre Abrechnungen und mußte ein Betrag von dem einen auf den andern überschrieben werden. Dann kam erst eine Beratschlagung, was nun für die Werft eingekauft werden sollte; die Frau hatte einen Rock nötig, Tochter Margarethe ein Paar Schuhe, Tochter Anna ein Umschlagetuch, dann noch zum allgemeinem Bedarf Kaffee, Zucker, Tee usw. usw. So wurde einer nach dem andern abgefertigt, bis dann schließlich alle befriedigt waren, ihre Herrlichkeiten auf die Pferde packten und abtrabten.

        Ich hatte im Anfang Hendrik, als ich mit ihm in Verbindung trat, einen Kredit von Pfd. 400 gegeben, allmählich verringerte ich ihn auf 250, dann auf 150 und als nachher der Krieg ausbrach, schuldete er mir noch Pfd. 70.-, für die er mir später nach dem Kriege Baustellen in Gibeon gab.

        Die Munitionshändler waren mit den Ochsen, die sie von Hendrik bekommen hatten, auch wieder fort nach der Kolonie.

        Der Munitionshandel war beschränkt, nur nach Lösung eines Erlaubnisscheines und Zahlung der Lizensgebühren war es erlaubt, zu handeln und es war vorauszusehen, daß in absehbarer Zeit dieser Handel ganz verboten werden würde.

        Dies Verbot erfolgte dann auch bald. Von einem meiner Züge im Damaraland brachte ich noch elf unverkaufte Gewehre mit zurück, die ich tief unten im Wagen verstaut hatte, um sie in Okahandja nicht zu zeigen, da ich als sicher annehmen mußte, daß die Hereros, wenn sie von ihnen wußten, verlangt haben würden, sie auf Kredit zu bekommen, um sie nicht zurückgehen und vielleicht in die Hände ihres Feindes Hendrik Witboi gelangen zu lassen. Auf Okahandja hörte ich Gerüchte, daß das Verbot des Handelns mit Gewehren und Munition nahe bevor stände. Dieses Verbot konnte wohl nur eine erste Einleitung zum Kriege mit Hendrik Witboi sein. Deshalb wollte ich an diesen meinen Vorrat nicht verkaufen. Um damit aber nicht ganz sitzen zu bleiben, entschloß ich mich, ihn an die Hereros auf Borg abzugeben. Ich sagte also Samuel, daß ich noch elf Gewehre zu verkaufen hätte. Ganz erstaunt war ich, Samuels Überraschung zu sehen, denn, daß sowohl meine Dolmetscher, als auch Eduard, der Dolmetscher von Herrn Voigts, der auch von den Gewehren wußte, über meine Heimlichkeiten selbst ihren Stammesgenossen gegenüber reinen Mund halten würden, hätte ich niemals erwartet. Die Gewehre, für die ich Bezahlung bei meiner nächsten Rückkehr erhalten sollte, waren selbstverständlich sofort von den auf dein Platz anwesenden Großleuten vergriffen. Ebenso selbstverständlich war es, daß bei meiner Rückkehr die Ochsen nicht da waren. Die einzelnen Großleute hatten allerdings die Ochsen an Samuel abgegeben, dieser sie aber zur Bezahlung seiner Privatschulden verwandt.

        Kurze Zeit darauf erfolgte dann auch das Gewehr und Munitionshandelverbot wirklich, die laufenden Handelslizenzen wurden nicht erneuert, neue Einfuhrerlaubnisscheine nicht ausgestellt den Händlern aber, die Lizenz gehabt hatten, gestattet, noch sechs Monate lang mit ihren alten Beständen zu räumen. Nach Ablauf dieser sechs Monate wurde, da sich herausgestellt hatte, daß noch größere, mit Erlaubnis eingeführte, Bestände vorhanden waren, die Frist noch einmal um weitere, sechs Monate verlängert. Mit meinen eigenen, übrigens sehr geringen Beständen, hatte ich längst vor Ablauf dieses letzten Termins, der am 1. Juli 1892 ablief, geräumt. Da sandte mir auch noch in der letzten Zeit mein Freund Tew seinen Rest mit der Bitte, ihn zu verkaufen, weil ich bessere Gelegenheit dazu hätte, als er. Das gelang mir dann auch noch am 30, Juni, so daß ich am 1. Juli kein Pfund Pulver und keine Patrone mehr im Hause hatte.

        Bei meinen nächsten Zügen hatte ich sehr viel von der Entrüstung der Herero über das Munitionsverbot zu leiden. Von den Kapitänen war die Parole ausgegeben, von Händlern, die keine Munition hätten, überhaupt nicht zu kaufen. Selbst mein Dolmetscher erklärte mir, mitgehen würde er zwar, warum nicht, ich bezahle ihn ja dafür; aber es hätte keinen Zweck, verkaufen würde ich nichts. "Erst Sehen", dachte ich, und fuhr.

        Das Selbstbewußtsein und der Stolz dieser hochmütigen Gesellschaft war auf das tiefste gekränkt. Sie hatten zwar einen Freundschaftsvertrag mit den Deutschen abgeschlossen, sich aber in keiner Weise ihnen unterstellt und jetzt wollten sie mal sehen, wer es länger aus hielte. Diese naiven Seelen hatten noch gar keine Idee davon, was es heißt, sich unter den Schutz einer europäischen Macht zu stellen. - Wenn sie keine Munition bekämen, brauchten sie unsere Kleider auch nicht, ihre Vorfahren wären nur mit Fellen bekleidet umher gegangen und das könnten sie auch tun. Nachdem ich mir auf jeder Werft diese Rede in verschiedenen Variationen angehört hatte, pflegte ich den Leuten eine ähnliche Rede, ungefähr folgenden Inhalts, zu halten. "Ihr habt ja so recht. Ich bin aber nur Händler und kein Kapitän und habe infolgedessen mit Politik absolut nichts zu tun; diese wollen wir lieber eurem Kapitän Samuel und dem deutschen Kapitän Francois überlassen, die sind dazu da und ich wünsche ihnen viel Vergnügen dazu. Mich laßt damit in Ruhe! Hier sind meine Hosen, Hüte, Schuhe und was sonst noch euer Herz begehrt; wollt Ihr sie kaufen, dann bringt mal Ochsen und Vieh her, damit ich etwas sehe, up bankerott gibt es nichts; wenn nicht, so laßt es bleiben dann fahre ich weiter." Schließlich kam dann mit verlegenem Gesicht erst einer und kaufte, dann ein anderer und das Resultat war, daß ich ebenso gut handelte wie früher.

        Die Situation wurde immer gespannter. Hendrik Witboi, der jedenfalls in seinem Innern auf englische Unterstützung hoffte, war sich besser, wie die andern Häuptlinge, darüber klar, daß die Annahme des deutschen Schutzes gleichbedeutend mit Unterwerfung sei. Er war fest entschlossen, nicht nachzugeben, obgleich in seinem Lager auch Stimmen laut wurden, die einer Unterwerfung unter die deutsche Oberhoheit günstig waren. Aber Samuel Izaak, der Führer dieser Partei, wurde als Unterkapitän abgesetzt und Hendrik bereitete den Krieg vor.

        Auch für die deutsche Regierung war dieser Zustand unhaltbar geworden. Sie hatte Hendrik, da sie ja den Damaras Schutz vor ihren Feinden zu gewähren versprochen hatte, gewissermaßen die Pistole auf die Brust gesetzt und ihn zum Frieden zwingen müssen: zu ihrem eigenen Schaden. Denn die Hereros, jetzt von ihrem Plagegeist befreit, konnten sich nun auf andere Heldentaten vorbereiten; - immer langsam, wie es bei Eingeborenen geht, aber in aller Heimlichkeit mit zielbewußter Konsequenz.

        Von englischer Seite hatte sich ein ganzes Munitionsschmuggelkonsortium gebildet. Die Oberleitung residierte in Kimberley und es wurde stark vermutet, daß sie mit Kapstädter einflußreichen Kreisen Verbindung hatte, mit solchen, die es nicht verschmerzen konnten, daß sich außer England noch eine andere europäische Macht in Südafrika etabliert hatte, und die alles was in ihren Kräften stand, taten, um den Deutschen Südafrika zu verleiden. Sie hatten immer noch Hoffnung, das deutsche Gebiet für England noch einmal zurückerwerben zu können.

        An der Grenze hielt sich der berüchtigte Schotty Smith auf (mit seinem wirklichen Namen soll er Lenox geheißen haben.) Dieser war Chef und Organisator der ganzen Schmuggelgesellschaft, besorgte den Transport der Munition bis zur Grenze, empfing die Ochsen und vermittelte den Verkehr mit Kimberley. -

        Wie der englische Munitionsschmuggel von Kapstadt aus begünstigt wurde, zeigt folgendes Begebnis: 

        In der Nähe von Upington, auf dem südlichen Ufer des Orangeflusses, der die Grenze des englischen und deutschen Gebietes bildet, residierte als englischer Magistrat (etwa einem preußischen Landrat entsprechend) ein Mischling, namens Bam, der früher in Rehoboth bei der Missionshandelsgesellschaft angestellt gewesen war. Die Engländer suchen sich nämlich ihre Beamten nach ihrer Tüchtigkeit aus und gehen nicht von der Ansicht aus, daß nur frühere Offiziere zu derartigen Stellungen geeignet sind, sie verlangen nicht einmal, daß sie studierte und examinierte Juristen sind.

        An seinem Ort trafen eines Tages zwei Wagen mit Munition ein, die zu Hendrik wollten. Er hielt sie an und verbot ihnen die Weiterreise. Nach einigen Tagen kam von Kapstadt, von Cecil Rhodes, der damals Premierminister war, eine telegraphische Depesche, die anordnete, daß den Wagen die Weiterreise zu gestatten sei. Sie fuhren ab. - Wieder einige Tage später - die Wagen waren bereits zwei Tage fort, jenseits der Grenze - traf eine Gegendepesche ein, die Wagen seien festzuhalten, es sei ein Irrtum vorgekommen. In Folge dieses Irrtums bekam Hendrik zwei Wagenladungen Munition. Als ich kurze Zeit darauf nach meinem Ochsenwagen ritt, der damals bei Tsumis stand, fand ich die Spur dieser Wagen, verfolgte sie eine Strecke in der Richtung auf Hornkranz und berichtete darüber nach Windhuk. Es war zu spät, die Wagen noch anhalten zu können. Hendrik hatte seine Munition und wir das Nachsehen.

        Schotty Smith war an der Grenze eine Art Heros des Brigantentums, ein afrikanischer Fra Diavolo und das Ideal aller Freebooter geworden. Er führte eine Art Privatkrieg gegen die Buren und wenn alle Geschichten, die von ihm erzählt werden, wahr sind, muß er wirklich seinen Ruf mit Recht verdient haben. Zu seiner Charakteristik will ich hier einige Geschichten von ihm erzählen.

        In Kimberley auf dem Marktplatz sollte ein gutes Reitpferd verauktioniert werden. Auch Schotty Smith kommt, unerkannt, betrachtet das Pferd und bittet um die Erlaubnis, es zur Probe einige Mal auf und ab reiten zu dürfen. Er reitet hin und her und allmälig immer weiter. Die Auktion fängt an. Es wird geboten bis auf 50 guineas, zum ersten, zum zweiten, zum drittenmal. Niemand mehr? 50 guineas!!! gone! Damned gone it is! Ja, wo war das verkaufte Pferd? Der gute Schotty Smith hatte sein Auf- und Abreiten so weit ausgedehnt, bis er an eine Straßenecke gekommen war und das 1050 Mk.-Pferd war "um die Ecke gegangen". - Er brauchte gerade ein gutes Reitpferd.

        Ein anderes Mal kommt ein Bur vor ein Hotel geritten, steigt ab und als er in die Bar eintreten will, um eine Stärkung zu sich zu nehmen, sieht er Schotty Smith dort stehen. Er erkennt ihn, macht das Pferd mit dem Zaum an dem inseitigen Drücker der Tür fest und hält den Zaum fortwährend im Auge. Schotty trinkt seinen Soda-Whisky aus und entfernt sich. Der Bur, der stets seinen Zaum im Auge hat, hält sich beruhigt einige Zeit auf und als er abreiten will und den Zaum vom Drücker abhakt, merkt er zu seinem grenzenlosen Erstaunen, daß an der anderen Seite kein Pferd daran ist.

        Schotty hatte auf einer Farm einen Trupp Pferde gestohlen und dieselben die Nacht hindurch und den Vormittag angejagd, bis er sie mittags in bedeutender Entfernung von der beraubten Farm auf einer Grasfläche weiden ließ, während er selbst im Schatten eines Baumes in der Nähe der Straße am Wege lag. Da plötzlich kommt der Bur auf der Spur seiner Pferde angeritten, sieht sie auf der Fläche weiden und sieht auch Schotty Smith, den er nicht kennt, im Schatten liegen. Der Bur, im Glauben, daß seine Pferde von selbst fortgelaufen sind, wie es ja öfter vorkommt, setzte sich, zufrieden, sein Eigentum wieder gefunden zu haben, zur Gesellschaft mit in den Schatten, um die Mittagshitze vorüber gehen zu lassen, bevor er weiter reitet. Eine Unterhaltung begann. Schotty und der Bur waren mit je einem Revolver bewaffnet. Schotty lenkte das Gespräch auf das Schießen und schließlich wurde eine Wette unternommen und ein vergnügtes Wettschießen begann, bis der Bur keine Kugeln mehr hatte. Da plötzlich zeigte dem Buren sein Wettgenosse ein anderes Gesicht. "Ich bin Schotty Smith und habe Deine Pferde gestohlen, Du hast keine Kugeln mehr, ich habe noch; nun mach mal schleunigst, daß Du fort kommst!" -
Einen Blick nach dem Grabe seiner Habe
Wirft der Mann zurück,
Greift traurig dann zum Wanderstabe..
und verschwindet über die nächste Höhe, Schotty Smith mit den Pferden in der entgegengesetzten Richtung.

        Dieser Schotty Smith also war der Organisator des Munitionsschmuggels. Seine Pferderäuberei betrieb er nur gegen die Buren, als guter Engländer ließ er seine farmenden Landsleute ungeschoren.... Als Feind , von allem, was in Südafrika, antienglisch war, dehnte er seinen Krieg auch gegen die Deutschen aus und.unterstützte Hendrik mit Munition. Einer der Munitionshändler; Favre mit Namen, wurde schließlich abgefaßt, arretiert und nach Windhuk gebracht. Er hatte einen Wagen mit seinem Angestellten, Hill, nach Damaraland geschickt, um dort zu handeln und da der Verdacht vorlag, daß auch Hill mit Munition handelte, -wurde ihm eine Patrouille, geführt von Junker, nachgeschickt. Dieser holte Hill auf Komaja, wo er am Nachmittag angekommen war, ein. Mein Wagen stand auf demselben Platz einige Kilometer davon entfernt. Ich selbst war nicht dort, sondern mit meinem Pferdehandel nach einer entlegenen Werft geritten. Hier auf Komaja wurde auch Hill verhaftet und mit allem, was er bei sich hatte, nach Windhuk transportiert. Gegen Hill konnte nicht vorgegangen werden, da bei ihm keine Munition gefunden war und da er behauptete, daß Wagen und Waren sein Privateigentum seien, was Favre auch bestätigte, so behielt er es und zwar für immer; denn Favre hatte ja selbst bestätigt, daß es Hill's Privateigentum sei. Favre wurde zu 60 Pfd. Sterling Strafe verurteilt, die ich ihm gegen Überlassung eines Postens guter junger Afrikanerkühe, die er bei Rehoboth stehen hatte, vorschoß. Er vermied dadurch die Versteigerung seiner in Windhuk befindlichen Wagen und Zugochsen.

        Auch Duncan und seine Söhne standen im Verdacht des Munitionsschmuggels. Der junge Robert Duncan befand sich gerade mit seinem Wagen in Windhuk, als er verhaftet werden sollte. Er saß auf dem Ausspannplatz auf der Vorkiste seines Wagens, als die Patrouille ankam, die ihn verhaften sollte. "Sind Sie Mr. Rob., Duncan?" - "Nein." - "Wo befindet der sich?" - "Er ist soeben nach dem Platz gegangen und will da im Store etwas einkaufen." Die Patrouille marschierte nach dem Platz. Duncan, der gemerkt hatte, was ihm bevor stand, schlug sich seitwärts in die Büsche und war, als die Patrouille wieder kam, spurlos verschwunden. Er war eiligst zu Otto in Kl.-Windhuk gegangen, der durch seine Bastardfrau mit dem gleichfalls mit einer Bastardfrau verheirateten alten Duncan verwandt war. Dort erhielt er ein Pferd und rettete sich schleunigst nach Hornkranz unter den Schutz Hendrik Witbois und von dort nach dem Süden des Schutzgebietes, wohin die deutsche Macht nicht reichte.

        Im Osten des Schutzgebietes lebte der Stamm der Khauas-Hottentotten unter ihrem Kapitän Adam Lambert. Dieser Stamm genoß von jeher einen sehr schlechten Ruf; die Khauas galten von allen Hottentotten als die gefährlichste, gesetzloseste Bande. Früher war in Gobabis eine Missionsstation gewesen, die zuletzt vom Missionar Judt, der später in Oachanas bei der Roten Nation stationiert war, verwaltet wurde. Die Station war aber aufgegeben worden, weil ein Leben und Wirken unter dieser Gesellschaft unmöglich war. Die Station wurde von den Eingeborenen vollständig ausgeraubt, der Missionar floh .und die Station wurde nicht wieder besetzt.

        Eines. Tages erschien in Rehoboth ein Bur, - es soll ein weggelaufener Schulmeister aus der Kapkolonie gewesen sein - mit Namen Bosmann. Er war auf seinen Wanderzügen zum Ngamisee gekommen und darauf in westlicher Richtung auf irgend eine Weise zu den Khauashottentotten verschlagen. Diese standen noch nicht unter deutschem Schutz und die deutsche Regierung schien auch gar keine besondere Neigung zu haben, diese verlumpte Bande unter ihre Flügel zu nehmen. Die Khauas waren noch ganz selbständig und Bosmann fand daher bei ihnen ein geeignetes Feld für seinen politischen Tätigkeitstrieb. Er erschien jetzt mit einer großen Vollmacht versehen, die er natürlich selbst ausgestellt und Kapitän Adam Lambert unterschrieben hatte, als "Staatssekretarius van de Kauas Natie", um in ihrem Namen mit der deutschen Regierung zu verhandeln. Nachdem Bosmann sich einige Zeit in Rehohoth herumgetrieben hatte, begab er sich nach Windhuk, aber auch hier fand er keine besondere Gegenliebe bei den deutschen Behörden, denn diese waren der Ansicht, daß sie, wenn sie mit den Khauas überhaupt verhandeln wollten, dazu keinen weggelaufenen Burenschulmeister nötig hätten. Mit der politischen Karriere war es also nichts. Bares Geld hatten die Hottentotten nicht, um ihren Staatssekretarius zu bezahlen und die großen Ländereien, die sie ihm versprochen hatten, gehörten ihnen erstens nicht und zweitens wollte die deutsche Regierung die Weggabe auch nicht. anerkennen.

        Bosmann mußte sich jetzt auf ein anderes Fach werfen. Zu seinen Khauasfreunden zurückzukehren und dort die Staatsmaschinerie zu leiten, hatte er die Neigung verloren; als findiger Kopf aber fand er eine andere lohnende Beschäftigung. Er ging nach Okahandja und wußte dort den Hereros klar zu machen, daß, da die deutsche Truppe viele Frachten nach Windhuk nötig hätte, und die Frachtpreise gut seien, es ein sehr rentables Geschäft wäre, diese Frachten mit ihren beschäftigungslosen Wagen und Ochsen anzufahren. Als Schulmeister und Bur verstand er gut zu reden, die verschiedenen reichen Hererogroßleute unter ihnen auch der Vater meines Dolmetschers vertrauten ihm ihre Wagen und Ochsen an, stellten auch die nötigen Treiber und sonstigen Leute und das Kompagniegeschäft, dessen Gewinn auf die Hälfte gehen sollte, konnte beginnen. Aber es rentierte sich schlecht! Bosmann hatte keine Ahnung von Frachtfahren. Auch das Frachtfahren ist ein Geschäft, welches verstanden sein will und durchaus nicht leicht ist, und wer dabei vorwärts kommen und verdienen will, muß Tag und Nacht auf dem Posten sein, was natürlich Bosmanns Sache nicht war. Ein Konduktor (Leiter eines größeren Transports) muß genau wissen, was seine Ochsen leisten können, wieviel er jedem einzelnen Gespann aufladen kann, wie die Wasserstellen liegen und wo er ausspannen muß. Bosmann wußte nichts von allem dem, nur eins wußte er, daß er erwerben wollte, was er nicht hatte, nämlich Geld, ganz gleich, wie.

        Beim ersten Transport verlor er viele Ochsen, denn die Ochsen der Hereros waren nicht gewohnt, schwere Frachten zu ziehen, sie waren für schwere Arbeit nicht trainiert und die Herero sind keine geborenen Treiber, wie Bastards und Hottentotten; sie verstehen wohl Ochsen zu züchten, aber nicht mit ihnen zu arbeiten. Auch die Verpflegung der Leute, die ja von Bosmann nicht gemietet waren, die eigentlich vielmehr ihn gemietet hatten, wurde sehr teuer, kurz, es stellte sich, statt des erhofften Verdienstes, ein sehr empfindlicher Verlust heraus. So etwas kommt öfter vor und ist bei afrikanischen Verhältnissen nicht besonders überraschend. Überraschend aber war die Art und Weise, wie Bosmann sich aus der Verlegenheit zu helfen wußte. Er schickte die Hereroleute, die die Wagen getrieben hatten, ohne Bezahlung nach Okahandja zurück mit dem Versprechen, daß er, sobald er sein Frachtgeld empfangen hätte, nachkommen und abrechnen würde. Er verkaufte dann Wagen und Ochsen, steckte das Geld in die Tasche und verschwand spurlos.

        Nachdem die Herero in Okahandja genügend lange auf ihren Freund Bosmann gewartet hatten, kamen sie; nach Windhuk und erfuhren dort, daß ihre Wagen und Ochsen verkauft seien und Bosmann verschwunden war. Sie reklamierten nun ihr Eigentum von den Käufern und baten die deutsche Regierung um Hilfe welche diese nicht gewähren konnte. Sie waren ihre Ochsen los und hatten das Nachsehen. Natürlich fühlten sie sich in hohem Grade unterdrückt. Nach ihren, früheren Anschauungen war ein Besitzer stets berechtigt, sein gestohlenes Eigentum überall zurückzunehmen, wo er es fand, aber Bosmann war ja ein Weißer und die Leute, die die Ochsen gekauft hatten, waren auch Weiße, deshalb wurden sie nach Ansicht der Herero begünstigt und mit Groll und Mißtrauen im Herzen zogen sie sich zurück. - Bosmann war spurlos verschwunden; später erkundigten sich die Herero bei mir sehr angelegentlich nach seinem Verbleib und der alte Johannes Szaman erklärte, wenn Bosmann wieder nach Damaraland käme, würde er, Johannes, ihm eigenhändig die Kehle abschneiden; ich bin fest überzeugt, daß er es auch getan hätte. Später las ich einmal in Kapschen Zeitungen, daß sich ein größerer Burentreck unter Leitung eines Mr. Bosmann nach dem Ngamisee begeben hätte. Der Zug hatte aber Fiasko gemacht. Wahrscheinlich war der Führer unser Bosmann, er war am Ngamisee bekannt.

        Es war im Jahre 1892, als Hendrik Witboi eines Tages auf Rehoboth ankam und mit seinen Kriegern unten im Fluß lag. Über seine Absichten war man sich nicht recht klar. Am Abend verbreitete sich auf Rehoboth das Gerücht, es sei durch Leute von Hendrik ausgeplaudert worden, daß er in der Nacht den Platz überfallen wolle. Die Bastards machten sich zur Verteidigung bereit, ebenso heimlich wie Henrik, zum Angriff. Wachen wurden ausgestellt und sie besetzten den Turm auf dem Gebäude der früheren Missionshandelsgesellschaft, welches jetzt von der Damara und Namaquahandelsgesellschaft bewohnt war und von wo sich der ganze Platz beherrschen läßt. Ebenso wie in Otjimbingwe der von Deutschen erbaute Haelbich'sche Turm bei allen Angriffen den Platz verteidigt und gehalten hatte, so hier der gleichfalls von Deutschen erbaute Turm den Platz Rehoboth. Noch kurz vor Ankunft der Deutschen wurde von hier aus der Angriff der vereinigten Jan Jonkerschen Leute und Swartbois abgeschlagen.

        Auch von mir wurde abends ein Gewehr requiriert, um den Platz zu verteidigen. Es blieb aber die Nacht hindurch alles ruhig, sei es nun, daß Hendrik überhaupt nicht die ihm zugeschriebene hinterlistige Absicht gehabt hatte, oder daß er die Vorbereitungen der Bastards bemerkte und da er sie nicht überrumpeln konnte, es nicht für geraten hielt, seine Absicht auszuführen. Möglicherweise hatte er es auf die bei der Damara- und Namaquahandelsgesellschaft liegende Munition abgesehen gehabt.

        Herr v; Lilienthal in Elberfeld war gestorben und da seine Familie keine Lust hatte, das afrikanische Unternehmen fortzusetzen, hatte sie dasselbe an die Hanseatische Land-, Minen- und Handelsgesellschaft abgetreten. Diese wieder hatte für sich nur die Land- und Minenrechte behalten und für das Handelsunternehmen die Damara- u. Namaquahandelsgesellschaft gegründet. Auf die Namen der hier im Lande wirkenden Gesellschaften kommt es indessen wenig an, da immer dieselben Leute bei allem, was in Afrika gegründet und konzessioniert wird, an der Spitze stehen, Scharlach, Woermann, Vohsen. Die Damara- und Namaquahandelsgesellschaft hatte nun als Nachfolgerin des Lilienthal'schen Unternehmens auch deren alte Bestände übernommen und unter diesen befand sich ein mit Erlaubnis der Regierung eingeführter größerer Posten Munition, die den Bastards, nachdem sie sich unter deutschen Schutz gestellt hatten, im Fall eines Angriffs zur Verteidigung dienen sollte. Diese Munition durfte nur an Bastards verkauft werden. Die Compagnie, die auf Ansuchen der Bastards die Munition eingeführt hatte, erwartete nun natürlich auch, daß jene sie kaufen würden. - Aber falsch gerechnet! Den Bastards, schlau wie sie sind, genügte vollständig, daß die Munition dort war und nicht anderweitig verkauft werden durfte; sie stand ihnen also im Falle der Not stets zur Verfügung, wozu sollten sie daher ihre Rinder geben? Sie hatten ihr Kriegsmunitionsdepot für anderer Leute Rechnung und das genügte vollständig. Nach einigen Tagen zog Hendrik wieder ab und alles war ruhig und friedlich wie zuvor.

        Schmidt, der in meinem Store war, hatte einen Zug nach Damaraland gemacht, war aber, obwohl ich ihm meine alten erfahrenen Reiseleute mitgegeben hatte, mit den Hereros nicht fertig geworden. Er hatte gleich im Anfang des Zuges Streit bekommen, war sogar mit dem Messer auf die Leute losgegangen, als sie ihm gegenüber, den sie nicht für voll ansahen, unverschämt wurden, und das Resultat war, daß sie nicht mit ihm handelten und mir sagen ließen, ich möge selbst kommen. Da sie ihn nicht vertragen konnten, ließen sie ihm auch einen größeren Posten Ochsen, die er bereits gekauft hatte, verschwinden. Es gehört eben ein ganz besonderer Charakter dazu, mit diesen Leuten fertig zu werden, ein ganz besonderer Takt, mit ihnen zu verkehren, ohne sich etwas zu vergeben und ohne sich etwas gefallen zu lassen und doch gut Freund zu bleiben. Die äußerste Ruhe und Kaltblütigkeit ist notwendig; ein Mann, der sich aufregt, oder der sich einschüchtern läßt, ist bei ihnen überhaupt kein Mann, er ist ein Kind und wird entsprechend behandelt. Die Hereros setzen sich dann, wenn es ihnen, gelungen ist, ihn wütend zu machen, hinter den nächsten Busch und lachen ihn aus.

        Schmidt trat aus meinem Dienst aus und ging zur Konkurrenz, der Damara- und Namaqua-Ges., wo er auch nicht lange blieb und später nach der Kapkolonie. An seine Stelle war Panzlaff, auch ein früheres Mitglied der Schutztruppe, getreten.

        Der Vorsteher der Bergbehörde, Herr Frielinghaus, war zum Bedauern aller, die ihn kannten, schon vor längerer Zeit nach Hause, nach Deutschland, gegangen. auch Herr Dr. Fleck: verließ das Land. Die geringe weiße Bevölkerung auf Rehoboth war wieder stark zusammengeschmolzen.

        Das Verhältnis mit Hendrik Witboi hatte sich immer mehr zugespitzt. So könnte es nicht weiter gehen. Hendrik glaubte an seine göttliche Mission, daß er bestimmt sei, das ganze Land als selbständiger König zu regieren und die deutsche Regierung mußte, wenn sie nicht gänzlich zurücktreten wollte, nachdem alle gütlichen überredungskünste mißlungen waren, Gewalt gebrauchen. Die Gefahr lag nahe, daß, nachdem Hendrik mit den Hereros Frieden geschlossen hatte, er mit ihnen ein Bündnis gegen die Deutschen eingehen würde und so mußte, was geschehen sollte, schnell geschehen, wenn nicht alles verloren sein sollte und die Engländer nicht doch noch Südwest-Afrika als Preis für ihre heimlichen Hetzereien erhalten sollten.

        Aus Deutschland waren 200 Mann Verstärkung für die Schutztruppe gekommen und an Hendrik war ein Ultimatum gestellt. Der Krieg stand vor der Tür und mit diesem erst begann die eigentliche Erwerbung des Landes. Wie Hendrik sagte: "Womit habt Ihr das Land erworben? mit Geld nicht, ich habe kein Geld empfangen; mit Blut nicht, ich habe kein Blut gesehen." - Also Blut!

        Was war denn nun bisher geleistet worden? Die Weißen hatten das Recht, gegen Zahlung der früher üblichen Abgaben an die Eingeborenen im Lande zu wohnen, zu handeln und Häuser zu bauen, welche aber sobald der Weiße auszog, den Eingeborenen zufielen, weil sie von ihrem Grunde und auf ihm gebaut waren. Das alles durften sie vorher auch schon. Sie hatten die Minenrechte erworben, aber kein Unternehmer wagte sein Geld in einem Lande mit so unsicheren Rechtsverhältnissen zu riskieren. Besitzer von Grund und Boden konnte noch kein Weißer werden. Dies wurde erst viel später möglich. Wir standen also, nachdem wir bereits 10 Jahre im Lande waren, immer noch im Anfang des Anfangs.

        Die früher von Lüderitz erworbenen Gebiete befanden sich im Besitz der Kolonialgesellschaft und außerdem große Gebiete, die ihr von Seiten der Regierung zugesprochen waren und die als herrenlos betrachtet wurden. Die Kolonialgesellschaft, die nach Aufgabe der Schürfarbeiten nach Gold auch ihren Store auf Otjimbingwe wieder geschlossen hatte, hatte ihren Vertreter, Herrn Franke, nach Rehoboth geschickt, wo er sich einige Zeit aufhielt und dann gleichfalls nach Deutschland abreiste. Jetzt hatte sie überhaupt keine Vertretung mehr im Lande, sondern saß ruhig auf ihren verbrieften Rechten und wartete, in der festen Überzeugung daß der Wert von Ländereien in neuen Kolonien nur steigen könne, darauf, daß diese Wertsteigerung durch andere Leute herbeigeführt würde. Das andere Land befand sich im Besitz der Eingeborenen, die eifersüchtig darüber wachten, daß kein Weißer Grundbesitzer wurde, im sicheren Gefühl, daß sie als die weniger tüchtigen, dann allmählich ganz zu Arbeitern der Weißen herabgedrückt würden.

        Die Siedlungsgesellschaff hatte durch die Expedition Üchtritz das Land besichtigen lassen und wartete auf die Eroberung der ihr als Geschenk versprochenen Gebiete.

        Die Regierung saß ohnmächtig auf Windhuk und verfaßte Gesetze und Verordnungen, die sich auf dem Papier sehr schön ausnahmen, an die sich zwar kein Eingeborener kehrte, die aber den paar im Lande lebenden Weißen das Leben nach Möglichkeit schwer machten.

        Die Mission bekehrte weiter, zählte mit jedem Jahre eine größere Anzahl getaufter Christen, die in der Kirche schön sangen und beteten und außerhalb der Kirche. genau so dachten und handelten wie früher.

        Die weißen Händler (Farmer gab es damals noch nicht), die zum großen Teil im Lande geblieben waren, weil sie unter deutschem Schutz eine großartige Entwicklung des zukunftsreichen Gebietes erwarteten, harrten, wie nun schon seit zehn Jahren, besserer Zeiten. Sie hatten wohl sämtlich die Absicht, unter geregelten Verhältnissen, sobald sich die Möglichkeit bot, Farmer zu werden. Als beste Landeskenner hatten sie die große Entwicklungsfähigkeit des Schutzgebietes erkannt.

        Als Ersatz für den nach Hause gegangenen Herrn Nels war als Kanzler Assessor Kochler gekommen, der später als Gouverneur in Togo starb. - Herr v. Goldammer fungierte immer noch als Mann für alles. - Herr Duft, der früher schon während der Goldzeit im Lande war, war an Stelle des Herrn Frielinghaus als Vorsteher der Bergbehörde gekommen, konnte aber in Ermangelung von Bergwerken keine Beschäftigung für seinen Tätigkeitstrieb finden und mehr Beamte hatten wir damals, Gott sei Dank, noch nicht.

- Ende des ersten Buches. -



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